Wer World of Warcraft spielt oder zumindest die Szene verfolgt, der wird mitbekommen haben, dass derzeit die Hölle los ist: Nach dem Kurzfilm „Kriegsbringer: Sylvanas“ ist das Fandom regelrecht gespalten, hitzige Diskussionen sind entfacht, wobei einige das Thema sogar ziemlich persönlich nehmen und Spieler wechseln Ihre Fraktionen.

Warum drehen alle am Rad?

 

 

In World of Warcraft tobt als „Vorbereitung“ auf die Erweiterung Battle for Azeroth derzeit der „Krieg der Dornen“ – die Horde, angeführt von ihrem Kriegshäuptling Sylvanas, greift die Nachtelfen der Allianz an und marschiert gen Teldrassil – dem Weltenbaum, auf dem die Nachtelfen beheimatet sind.
Diesen wollte sie eigentlich einnehmen, entschließt sich jedoch dazu, ihn niederzubrennen, nachdem eine gefallene Nachtelfe sie von der Seite anquatschte.

Sylvanas gibt den Befehl, von dem sogar ihr engester Vertrauter zunächst geschockt ist und der Weltenbaum verbrennt – und mit ihm die darauf lebenden Zivilisten.

 

 

World of Warcraft ist ein Rollenspiel und viele Spieler wählen ihre Fraktionen und Rassen aus Überzeugung (während andere nach Style und Erscheinung gehen) und dieser Akt löst auch bei vielen Anhängern der Horde einen Aufschrei aus. Viele Hordler sind schamanistisch/druidisch angehaucht und haben eine tiefe Verbindung zur Natur, während andere auf „Ehre“ setzen – so oder so, viele Spieler sind angefressen.
Nun schreien die Fans nach „Bad Writing“ und dass Blizzard hier Sylvanas „plötzlich“ ohne Grund zur Bösen machte – obwohl man genau diesen Ablauf erwartete.

Und hier kommt das Ding:

 

Sylvanas war schon „immer“ böse.

 

Sie ist eine Nihilisten, die „Todeslager“ in den östlichen Königreichen hatte. Sie befahl menschliche Flüchtlinge in Burg Fenris zu töten und sie wiederzuerwecken. Sie befahl Bauern in Hillsbrad und den Pestländern zu töten und sie wiederzuerwecken – damit diese dann als neue Untote weitere Bauern töten konnten.
Sie setzte chemische Waffen gegen Gilneas ein – ein Königreich, das gerade in einem eigenen Krieg aufgrund des Worgen-Fluchs versank.
Dort setzte sie „Seuche“ ein, die damals der Lichkönig (okay, der Kult der Verdammten) benutzte, um überhaupt erst Untote zu erschaffen – eine Tat, die selbst Garrosh Höllschrei, den viele als den „Adolf Hitler von Warcraft“ sehen, zutiefst anwiderte und sie mit dem Lich König gleichstellte. Und das vor bereits 8 Jahren.

Sie wollte sogar die Valkyr von Odyn versklaven, um noch mehr Untote zu erschaffen.
Sie hasst den Fluch, den Arthas Ihr auferlegt hatte und bettelte um einen sauberen Tod – und nun will sie sie den selben Fluch über viele andere Leben bringen.

„Moralisch grau“ – so wurde Sylvanas lange Zeit beschrieben. Das ist aber eine Farce – sie war seit Warcraft 3 schon kein moralisch grauer Charakter mehr.

Die Fans regen sich nun darüber auf, dass das „Ende“ dieses Krieges (Sylvanas brennt den Baum nieder) durch einen Twist bessergewesen wäre – einige verlangten danach, dass Genn, Jaina oder sogar Anduin den Baum abbrennen würden, um selbst den Krieg ausrufen zu können.
Aber in der Tat wäre DAS Bad Writing gewesen.
Es hätte keinen Sinn ergeben, dass die Horde gen Teldrassil marschiert und dann plötzlich ein Allianzer den Baum anzündet und Hunderte/Tausende/Millionen (wie viele leben da?) verbrennen lässt, nur, um einen Krieg auszurufen, der sowieso schon stattfindet.

Sylvanas ist sich in der Geschichte treu und konsistent. Sie marschierte Gen Teldrassil, um Malfurion zu töten – einen der größten Helden von AZeroth, der sogar die erste Invasion der brennenden Legion bekämpfte (und viele weitere Heldentaten vollführte), einfach nur, weil er auf der falschen Seite steht und Darnassus beschützen will, welches sie einnehmen/zerstören will.

Sie zündet den Baum nicht aus einem Wutanfall heraus an – sie hasst das Leben und bleibt sich treu, indem sie DAS Sinnbild für Leben zerstört – auch wenn es vermutlich nicht ihr ursprünglicher Plan war.
Sylvanas rief bereits früher aus, dass sie die Allianz von Kalimdor vertreiben will, um einer möglichen Invasion durch den Feind zu entgehen.
Und man kann natürlich emotional an die Sache herangehen, dennoch ist es eine (für den Krieg) strategisch wichtige Entscheidung gewesen, den Baum zu zerstören.

Viele Regen sich nun darüber auf, dass Warcraft „grau“ ist und keine Fraktion wirklich böse oder gut sein sollte – und dem ist auch so. Sylvanas ist böse, die Horde aber nicht.
Wir haben es damals bei Garrosh in Pandaria gesehen: Auch wenn er viele Anhänger hatte, erhoben sich die anderen Rassen und kämpften gegen ihn – und eine ähnliche Geschichte zeichnet sich in Battle for Azeroth ab. In der Horde befinden sich noch immer ehrenhafte Mitglieder, die Sylvanas Taten verteufeln – Varok Saurfang z.B. – und ich bin gespannt, wie die Tauren reagieren (welche Sylvanas übrigens Insgeheim bei der Allianz sehen will).

 

Die Horde ist ein komplexer Haufen, da sie so viele verschiedene Rassen mit unterschiedlichen Zielen und Herangehensweisen beherbergt. Wenn also die „Loa“ (die „Geister“, die die Trolle anbeten) eine psychopatische Massenmörderin zum Anführer erwählen, dann kann man davon ausgehen, dass die Horde hin und wieder über die Stränge schlägt,  um es salopp auszudrücken.
Man braucht hier keinen Twist – all dies war vorhersehbar. Sylvanas ist seit jeher so, wie sie momentan dargestellt wurde.
Eine friedliche Sylvanas, die das Leben bejaht, das wäre Out of Character.  Sie bleibt lediglich ihrem Charakter und ihrer Linie treu.

Man muss kein Hordefan sein (meine Güte, selbst ich bin Allianz-Spieler aus Überzeugung), um zu verstehen, dass Sylvanas sich so verhält, wie sie es immer tat.
Nehmen wir mal Velen, den Anführer der Darenei oder Anduin z.B. – beides sehr pazifistische Charaktere. Wenn diese nun plötzlich Zivilisten töten oder sich der brennenden Legion anschließen würden – das wäre Out of Character.

Die Horde basiert auf Ehre – und als Mitglied der Horde, hat man seinen Kriegshäuptling zu ehren und ihm zu folgen. Dennoch muss auch ein Kriegshäuptling ehrenvoll handeln und wenn Sylvanas weiterhin solche Dinge durchzieht, dann werden sich nach und nach die Leute von ihr abwenden.

*Kleiner Zwischeneintrag vom 3.8. – Blizzard hat soeben ein Überraschungs-Cinematic rausgehauen, das zeigt, dass der ehrenhafte Varok Saurfang die Schnauze voll hat*

Hier werden jetzt einige sagen „Aber es ist so einfallslos! Sie wird Garrosh 2.0“ – die Aussage kann ich durchaus verstehen und ich bin fast geneigt, dem zuzustimmen. Dennoch wissen wir noch nicht, wie sich die weitere Geschichte entwickelt. Und außerdem kann man auch diese Sache etwas anders sehen:
Nehmt Arthas z.B.. Er war ein Prinz (also fast Anführer) der Allianz und wurde dann böse – also zum Gegner der Allianz und wurde letztlich getötet. Macht das Garrosh dann nicht eigentlich zu Arthas 2.0?
Nicht ganz – Garrosh stammte nicht aus Azeroth. Er wurde auf Draenor geboren und erst im Erwachsenenalter von Thrall  in die Horde geholt, nachdem er die alten orcischen Traditionen von Draenor verinnerlichte und in sich aufnahm. Mit diesen Traditionen wollte er eine „orcische“ Horde formen und er hasste die Allianz von Anfang an – nicht wie Thrall.

 

Sylvanas hat eine ganz andere Geschichte – seit Jahren erkennt sie, dass ihr Volk stirbt und sich nicht reproduzierenkann. Sie möchte die Zukunft ihrer Rasse (obwohl die Verlassenen „nur“ verfluchte Menschen sind) sichern. Sie hasst das Leben, respektiert es nicht und ist der festen Überzeugung, dass die Verlassenen „sicher“ sind, wenn die Allianz ausgelöscht ist. Und dieses Ziel möchte sie mit allen Mitteln erreichen. Was ein „Glück“, dass sie zur Zeit in der Horde das sagen hat.

Macht sie das zu einem moralisch grauen Charakter? Oh sowas von nicht. Sie ist böse.
Aber dennoch sind ihre Handlungen seit Jahren nachvollziehbar und auch die jüngsten Ereignisse um Teldrassil machen Sinn in den Augen der dunklen Fürstin.

Natürlich ist World of Warcraft noch ein Rollenspiel und man könnte sich die Frage stellen, ob der eigene Charakter mit dem Verhalten seines Kriegshäuptlings einverstanden ist.
Nun. Wie oben gesagt: Als Mitglied der Horde hat man seinem Kriegshäuptling zu gehorchen. Außerdem befindet der Charakter sich grade im Krieg – da hat man nicht immer Zeit sich über Gut und Böse Gedanken zu machen. Du befindest dich im Krieg gegen die Allianz und bist ein Hordler.
Im Prinzip läuft dieser Krieg auch schon seit 20-30 Jahren und es ist verständlich, dass ein Hordler den Kontinent für sich haben möchte.
Natürlich werden viele Spieler Sylvanas Taten verteufeln  – aber eine Rebellion ist nicht plötzlich da. Sie braucht Zeit, um sich zu formen.

Und wenn Sylvanas sich weitere Dinger erlaubt, dann wird es bestimmt eine Rebellion geben.

Außerdem dürfen wir nicht Varians Worte vergessen, die er an die Horder richtete – die sich sein Sohn zu Herzen nehmen sollte:


Wie seht Ihr die Thematik? Findet Ihr es auch „nachvollziehbar“ und findet ihre Handlungen dennoch schlecht? Oder freut Ihr euch über das größte Lagerfeuer von Azeroth?