Wenn es um die Dursleys geht, sind sich Potter-Fans weitgehend einig. Mehr als leidenschaftliche Abscheu haben wir für die unsympathischen Randfiguren nicht übrig. Die Autorin präsentiert gleich auf den ersten Seiten ihres Debüterfolgs eine ganze Reihe an hassenswerten Eigenschaften und Ansichten Vernons und Petunias, die es den Lesern nicht unbedingt schwer machen Harrys Ziehfamilie zu verachten. Doch während sich die Geschichte um Harry in den sechs Folgebänden immer weiter entfaltet, bekommen wir auch eine ganze Reihe an Hintergrundinformationen zu diesen ungeliebten Charakteren. Besonders über Petunia erfahren wir mehr als uns vielleicht interessiert. Immerhin soll sie doch nur die Rolle der bösen Tante erfüllen, die einen höheren Grad an Sympathie für und Identifikation mit dem Protagonisten ermöglicht, oder? Was sollen wir also mit den Informationen über ihre Kindheit anfangen? Ein genauerer Blick auf Petunias Leben und der Wille die Perspektive ein wenig zu verändern kann uns jedoch dazu befähigen ihre Geschichte anders zu erzählen und ihr Verhalten neu zu bewerten, als wir es bisher getan haben.

 

 

Erzählt wird die Geschichte natürlicherweise überwiegend aus Harrys Perspektive, in welcher die Schwester seiner verstorbenen Mutter eine sehr eindimensionale Rolle einnimmt, die stark an die grimmsche Stiefmutter erinnert. Versuchen wir die Geschichte vor Harrys Zeit und die ersten Ereignisse in „Harry Potter und der Stein der Weisen“ jedoch durch Petunias Augen zu sehen und einige Lücken über das Geschehen zu füllen, ohne dabei gleich von einem völlig verdorbenen Charakter auszugehen, erscheinen die Ereignisse in einem anderen Licht. Wollen wir Petunias Geschichte neu erzählen und mit ihren Emotionen und Gedanken anreichern, können wir uns, wenn auch überwiegend, nicht ausschließlich auf die Informationen stützen, die uns Joanne K. Rowling über diese Figur bisher gegeben hat. Nehmen wir die bekannten Fakten aus den Büchern und dem Pottermore-Universum als Rahmen für Petunias Geschichte und schmücken diesen mit ein bissen Wohlwollen gegenüber der Figur aus, öffnen wir die Tür zu einer möglichen anderen Wahrheit über Petunia Dursley.

 

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Petunia ist die ältere Tochter von Mr. Und Mrs. Evans und hat eine gute Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Lily. Sie spielen häufig miteinander und erkunden die Umgebung ihres Heimatstädtchens Cokeworth. Bei einem ihrer Ausflüge entdeckt Petunia, dass Lily Blumen wie durch Zauberei blühen lassen kann und Steine bewegt, ohne sie zu berühren. Aus Sorge, dass jemand Lily dabei beobachten und sie für eigenartig halten könnte und aus Angst vor dem Unbekannten, verbietet sie ihrer Schwester irgendetwas zu tun, das nicht „normal“ ist.

 

 

Die Jahre verstreichen und Lily erhält einen Brief von Albus Dumbledore, in dem sie erfährt, dass sie eine Hexe ist und bald eine Schule für magisch Begabte besuchen wird. Mr. Und Mrs. Evans sind begeistert von dieser Nachricht und wahnsinnig stolz auf ihre Tochter. Petunia, fühlt sich zunehmend nicht wertgeschätzt und kann ihren Neid auf Lilys Fähigkeiten nicht verbergen. Sie beschließt einen Brief an Dumbledore zu verfassen, in dem sie darum bittet gemeinsam mit ihrer Schwester diese besondere Schule besuchen zu dürfen. Sehr bald erhält sie die Antwort des Schulleiters, der ihrer Bitte nicht nachkommen kann. Sie fühlt sich abgelehnt und ist gekränkt, fragt sich, wie es sein kann, dass ihre Schwester magische Talente besitzt und sie selbst nicht. Petunia beginnt zu glauben, dass sie einfach nichts Besonderes ist.

Ihre Eltern, die sich sehr auf Lily und die neue Situation fokussieren, zeigen kaum Sensibilität für Petunias Nöte und tragen nicht unbedingt dazu bei, dass sich das Mädchen, durch elterliche Fürsorge, besser fühlt. Als Lilys Schulzeit beginnt, schaffen die Jahre und die unterschiedlichen Welten, in denen die beiden Schwestern nun leben, auch eine emotionale Distanz zwischen ihnen.

 

Zu Beginn ihrer Zwanziger verlässt Petunia ihre Heimatstadt, um nach London zu gehen. Sie lernt Vernon Dursley bei der Arbeit kennen und verliebt sich. Der Kontakt zu ihrer Familie wird seltener und sie baut sich ihr eigenes Leben auf. Petunia und Vernon beschließen zu heiraten. Natürlich stellt Vernon Fragen zu ihrer Familie, die sie ihm ehrlich beantwortet, in der Hoffnung, dass er mit dem Geheimnis, dass ihre Schwester eine Hexe ist, umgehen kann. Lily meldet sich eines Tages bei Petunia. Sie möchte ihr James vorstellen. Die beiden Paare verabreden sich, doch das Treffen verläuft alles andere als harmonisch. James Potter kennt die nicht-magische Welt kaum, macht einen arroganten und desinteressierten Eindruck, belächelt Vernons Versuche, mit ihm  über Fußball zu sprechen, schwärmt so ausschweifend von seinem Zauberer-Sport, dass sein Gesprächspartner nichts zu erwidern weiß, und prahlt mit dem Vermögen seiner Eltern. Auch Lily erzählt nur von Dingen, die ihrer älteren Schwester fremd und suspekt sind. Sie macht nicht den Eindruck, als würde sie sich für Petunias Pläne und Wünsche interessieren. Das Treffen endet unbefriedigend für beide Seiten. Petunia und Vernon beschließen sich auf sich selbst zu konzentrieren und vorerst keinen intensiven Kontakt zu Lily und James zu suchen. Selbst der Hochzeitseinladung der beiden kommen sie nicht nach.

Petunia bekommt bald darauf einen kleinen Sohn, Dudley, für den sie alles tut, damit er niemals das Gefühl entwickelt nichts Besonderes zu sein. Sie und Vernon erfahren, dass auch Lily und James nicht lange nach ihnen Eltern geworden sind. Petunia lebt, weit entfernt von allem was magisch und „unnormal“ ist, das Leben einer glücklichen Mutter und Hausfrau. Sie liebt es sich um ihren Sohn und ihren Mann zu kümmern, ist eine hervorragende Köchin und eignet sich allerhand Fertigkeiten, wie Hand- und Gartenarbeiten, an.

 

Ihr perfektes Leben wird auf den Kopf gestellt, als eines Nachts die Türglocke ertönt und auf dem Absatz ein Säugling liegt. Als sie den beiliegenden Brief öffnet erfährt sie, dass ihre Schwester, die sie seit Jahren nicht gesehen hat, nicht mehr lebt. Irgendein Zauberer hat sie durch einen Fluch umgebracht, als sie versuchte ihren Sohn zu schützen. Petunia soll sich um Harry kümmern, bis dieser alt genug ist, um die gleiche Schule zu besuchen, in der seine Eltern das Zaubern gelernt haben. Unterzeichnet ist der Brief von Albus Dumbledore.

 

 

Petunia fragt sich, aus welchen Gründen Dumbledore ein Kind dieser gefährlichen Welt, in der Magie Menschen tötet, aussetzen wollen kann. An diesem Abend sitzen Petunia, die um ihre Schwester trauert, und Vernon noch lange in ihrem Wohnzimmer, das Bündel mit dem Kind auf dem Sofa. Ratlos und allein gelassen mit ihren Fragen, versuchen sie sich die Situation zu erklären. James, dieser arrogante Exzentriker, muss Lily in irgendetwas mit hineingezogen haben. Warum sonst sollte jemand auf die Idee kommen sie umzubringen? Und Dumbledore muss ein Irrer sein, wenn er ernsthaft glaubt, dass dieser Hokus-Pokus-Wahnsinn das Richtige für ein Kind ist. Das Paar beschließt Harry niemals von der Welt zu erzählen, in der keine Regeln zu gelten scheinen, in der Magie als gefährliche Waffe benutzt wird und die letztendlich seiner Mutter das Leben gekostet hat. Sie versprechen sich gegenseitig alles dafür zu tun, dass Harry nicht so wird wie James oder auf die gleiche sinnlose Weise umkommt wie Lily.

 

 

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Wir wissen nicht was Petunia wirklich über Lilys Fähigkeiten dachte oder was Dumbledore in seinem Brief an die Dursleys nachvollziehbar erklären konnte und was nicht. Allerdings können wir uns ziemlich sicher sein, dass kein Brief ausreichend erklären kann, was es mit der magischen Welt auf sich hat und welche Regeln dort gelten. Auf der Seite neunzehn des ersten Bandes bestätigt Minerva McGonagall uns diese Zweifel mit dem Kommentar: „Wirklich, Dumbledore, glauben Sie, dass Sie all das in einem Brief erklären können?“ Es gibt auch im weiteren Verlauf der Erzählung viele Dinge, über die Joanne K. Rowling uns nicht aufklärt. Es lässt sich nur vermuten welche Auswirkungen die Besonderheit Lilys auf Petunia und die Beziehung zu ihren Eltern tatsächlich gehabt hat. Es gibt jedoch einige Hinweise, die uns Aufschluss darüber geben, was vor dem Einsetzen des ersten Bandes geschehen sein könnte. Aus dem Kanon geht hervor, dass James in seiner Schulzeit nicht unbedingt durch seine Empathie und Bescheidenheit glänzte und in einem Artikel auf Pottermore erfahren wir, dass er Vernon und Petunia kenngelernt und dabei keinen guten Eindruck hinterlassen hat.

 

 

Der gleiche Artikel erzählt von Petunias und Vernons Kennenlernen und dem Kontaktabbruch zwischen den beiden Schwestern. Rowling, fest verhaftet in der Perspektive Harrys, verpasst jedoch auch jedem Absatz dieses Beitrags einen Beigeschmack, der uns Petunia nur als bittere, argwöhnische, ignorante und neidische Person sehen lassen kann. Wie könnte sie uns auch etwas anderes denken lassen? Immerhin wählte sie den Namen Petunia nicht ohne Grund. Schon in den Rollenspielen ihrer Kindheit gab Joanne K. Rowling unsympathischen Frauenfiguren diesen Namen, wie sie in einem Interview und auf Pottermore zugibt.

 

Damit lassen sich Petunias Rolle und ihre Eindimensionalität leicht erklären. Sie war in Rowlings Welt nie dazu bestimmt mehr zu sein als die schreckliche Schwester der idealisierten Lily Potter. Es scheint, als hätte die Autorin nie geplant, dass der Leser die Hintergründe der menschenunwürdigen Aktionen dieser Figur verstehen kann. Wir werden nicht über die Motive aufgeklärt, die es Petunia für angemessen erachten lassen, Harry in einem Besenschrank zu halten, wie ein ungeliebtes Haustier. Vielleicht gab es einen magischen Zwischenfall, ähnlich dem der verschwindenden Scheibe im Zoo, den Petunia für so gefährlich hielt, dass sie Harry möglichst fern von Dudley halten wollte, um dessen Sicherheit gewährleisten zu können. Oder traf sie diese Entscheidung vielleicht sogar um Harry vor seinen Fähigkeiten zu schützen?

 

 

Es gehört ein bisschen Phantasie dazu, die Lücken in der Erzählung so zu füllen, dass eine unserer Lieblingsantagonistinnen nicht völlig unmenschlich dasteht. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, welchen Anlass sie gehabt haben könnte, Harrys Zimmer im Schrank unter der Treppe einzurichten oder ihn so gravierend anders zu behandeln als Dudley. Rowling bietet uns ebenfalls keine befriedigende Erklärung, die Petunia in den Augen der Leser nicht entmenschlicht. Doch wir können versuchen Erklärungen zu finden, die plausibler erscheinen und aus einem grässlichen Monster von Tante eine Person mit traumatischen Erinnerungen und kaum verzeihbaren Charakterschwächen machen. Wie die Motivlage auch sein mag, sicher ist, dass wir beim Lesen der Geschichte des Jungen der lebt und der Statements der Autorin nur eine Variante der Wahrheit über Petunia Dursley präsentiert bekommen und uns die Frage stellen sollten, ob nicht mehr hinter der Fassade der fiesen Tante stecken könnte.

 

 

Quellen:

www.pottermore.com

http://harrypotter.wikia.com/wiki/Main_Page

 

Bilder:

Beitragsbild: https://www.pottermore.com/features/in-defence-of-petunia-dursley

Lily Evans: https://www.pottermore.com/features/lily-potter-petunia-and-the-language-of-flowers

Baby Harry: https://i.stack.imgur.com/yodxd .jpg