Hagazussa – Der Hexenfluch

Das 15. Jahrhundert. Der kalte Winter breitet sich über der Alpenlandschaft aus. In einer abgeschiedenen Berghütte lebt die junge Ziegenhirtin Albrun mit ihrer Mutter. Als diese unerwartet einer Krankheit erliegt, bleibt die Tochter alleine und traumatisiert zurück. 20 Jahre vergehen, Albrun wird selbst Mutter. Von der Dorfgemeinschaft als Heidin und Hexe ausgegrenzt beginnt Albrun eine finstere Präsenz wahrzunehmen, die in den dunklen Wäldern auf sie wartet. Angst, Alptraum und die Grenzen der Realität beginnen zu verschmelzen, bis sie schließlich mit ihrem Wahn und dem Bösen in sich selbst konfrontiert wird.

DARSTELLER

Albrun (jung): Celina Peter

Albrun: Aleksandra Cwen
Mutter: Claudia Martini
Swinda: Tanja Petrovsky
Dorfpfarrer: Haymon Maria Buttinger 

Regie: Lukas Feigelfeld

Buch: Lukas Feigelfeld

Quelle: http://www.hagazussa-derfilm.de/#willkommen

 

Hagazussa – Der Hexenfluch. Ein Horrorgemälde.

Viele Menschen gehen ins Kino, lassen sich ein, zweimal erschrecken und gehen wieder nach Hause. Der eben gesehene Film ist vergessen. Der Alltag geht weiter. Aber dann gibt es ab und zu diese kleinen Filme, diese Bastarde, die einen noch Tage nach der Sichtung beschäftigen. Bei denen einem das Schicksal der Figuren nicht egal ist. Diese Filme, von denen man nachhaltig beeindruckt ist. Diese Filme bei denen nicht sicher ist, was man grade gesehen hat und diesen einen „What the Fuck“ Moment die nächsten Tage mit sich herum trägt. „Hagazussa – Der Hexenfluch“ ist einer dieser Filme. 

Doch was ist es, was „Hagazussa“ anders macht? Wie auch schon „Hereditary“ ist „Hagazussa“ ein Genremix. Wir finden Elemente eines Historienflms, eines Psychodramas und eines Horrorfilms. Es wird sich keinerlei Klischees dieser Genres bedient. Stattdessen wird ein beklemmendes Psychogramm einer geschundenen, gesellschaftlich isolierten Frau geschaffen. Dabei ist Aufteilung der Geschichte ganz klassisch in vier Akte unterteilt (Schatten, Horn, Blut und Feuer). Jeder der Akte hat seinen ganz eigenen Ton. Je nachdem an welchem Punkt des Films man sich befindet, erwischt man sich selbst dabei, wie jedes Geräusch und jede Bewegungen draussen wichtig zu werden scheint. Je tiefer der Film in den Verstand Albruns geht, desto höher wird auch die emotionale Fallhöhe für den Zuschauer. Am Ende wird es beinahe unerträglich intensiv. Die Geschehnisse auf dem Bildschirm lassen einen nicht los. Sicherlich muss man sich darauf einlassen und vor allem Lust auf anspruchsvolles Kino haben. Ich fühlte mich in vielen Szenen an Lars von Triers „Antichrist“ erinnert, der ähnlich intensiv und (positiv) unerträglich anzuschauen war. Vom Setting, Erzählgeschwindigkeit und Atmosphäre kommt er auch „The Witch“ ziemlich nahe. Wobei beide Filme unterschiedliche Intentionen verfolgen.

Grundstein für eine solche Erfahrung ist die schauspielerische Leistung. Allen voran Aleksandra Cwen, die mit „Hagazussa“ ihr Langfilmdebüt feiert. Sie schafft es, Albrun eine Tiefe zu verleihen, die weit über andere, genretypischen Figuren steht. Allein durch ihre intensive Mimik ist man ihr als Zuschauer verfallen. Man ist erschrocken und man leidet mit. Auch körperlich geht sie für den Film sehr weit, was diese Figur umso glaubhafter werden lässt. Am Ende wünscht man Albrun Erlösung und Bestrafung zugleich. Man fechtet als Zuschauer innere Zerrissenheit aus. Ich bin sicher, Alexandra Cwen wird es weit bringen. Man darf auf weitere Filme gespannt sein. „Hagazussa“ist jedenfalls ein ganz starkes Debüt, einer richtig guten Charakterdarstellerin.

  

 

Claudia Martini spielt die Mutter, die ebenfalls ganz stark aufspielt. Die von einer Krankheit zerfressene Frau wirkt ab einem gewissen Zeitpunkt sehr dämonisch und herrschend. Die Präsenz der Figur bleibt auch nach dem Tod, stets vorhanden und wird Teil der Atmosphäre. Zu Beginn ist der Zuschauer aber an der Seite der jungen Albrun. Diese wird von Celina Peter verkörpert. Sie sorgt für eine recht leichte Einführung zur Figur und man findet als Zuschauer wunderbar Zugang. Ebenso starke Leistung. Alle anderen Nebendarsteller wie Tanja Petrovsky oder Haymon Maria Buttinger unterstreichen den wirklich exzellenten Cast. Alle liefen eine durchweg glaubwürdige und sehr gute Leistung ab.

Ansonsten sticht eine extrem exzellente Kameraarbeit hervor. Allen voran, die atemberaubenden Naturaufnahmen. So gut wie jede Einstellung ist ein Gemälde. Diese kann man direkt ausdrucken und sich an die Wand hängen. Sicher, Berge filmen ist leicht. Aber diese so einzufangen, dass sie unheimlich, bedrohlich und majestätisch aussehen, ist schon eine Leistung. Aber nicht nur die Natur, sondern auch Gebäude oder das innere der Bergkapelle sind ein einziges düsteres Kunstwerk. Auch hier großes Lob an die Set-Designer. Nicht selten bleibt die Kamera in den Gesichtern der Figuren stehen und lässt eine Situation oder Reaktion der Figuren auf den Zuschauer wirken.

 

Regisseur Lukas Feigelfeld gelingt es ein märchenhaftes Alptraumszenario in Szene zu setzen. Er beweist dabei Gespür für Timing, Ästhetik und hat das richtige Händchen seinen Cast zu Höchstleistungen zu bringen. Auch hier darf man optimistisch sein, was weitere Projekte angeht. Bisher trat er vor allem mit Kurzfilmen und Musikvideos in Erscheinung. „Hagazussa“ ist ein erster Langfilm.

Zu guter Letzt wäre da noch die Musik. Intensive Geräuschkulissen und viele stille Klänge verleihen dem Gesamteindruck nochmal eine Extraportion Bedrohlichkeit. Stellenweise klingt es wie eine Rituelle Beschwörungsmusik, statt wie ein Filmsoundtrack. Ganz stark. Verantwortlich für den Score ist das Avantgarde-Duo MMMD. Ambientmusik trifft man eher selten im Filmbereich an. Inzwischen findet man das ein oder andere Werk, in dem eher mit Geräuschen oder alternativer Musik, statt mit Orchester gearbeitet wird. Aber etablieret ist das noch lange nicht. Hier wurde der für diesen Film perfekte Mix aus Streichern und elektronischen Geräuschen gefunden.

Als Fazit, bleibt: Wer auf anspruchsvolles Kino steht, in der Lage ist 100 Min. seine Umgebung auszublenden und sich voll und ganz auf einen Psychotrip zu begeben, wird belohnt. „Hagazussa“ schafft es als deutschsprachiger Film, gängige Klischees zu ignorieren und ein Erlebnis für den Zuschauer zu schaffen. Alle anderen, schauen sich halt den 17. Saw an. „Hagazussa“ spielt in einer anderen Liga, ist nicht von dieser Welt.