Warnung: Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich im Kino vollkommen überrauschen lassen möchte, liest an dieser Stelle bitte nicht weiter. Der Artikel enthält Informationen zum Handlungsverlauf und zum Ende des Films.

 

Das Review zum Film ist als subjektive Einschätzung zu betrachten, welche keinen Allgemeingültigkeitsanspruch erhebt.

 

 

Zwei Jahre nachdem uns Newt Scamander und seine phantastischen Begleiter das erste Mal verzauberten, ist unser Lieblings-Magizoologe wieder im Einsatz und lockt die Fan-Scharen in die Kinos. Allerdings überrascht der zweite Teil, der als Pentalogie angelegten, Filmreihe die Fans nicht nur positiv. Während der erste Part der Serie noch den Eindruck erweckte, auch Neulinge in der magischen Welt willkommen heißen zu wollen, die sich ohne eine tiefere Kenntnis der Buchreihe in das Filmerlebnis stürzen wollen, macht der aktuelle Streifen deutlich, dass Figuren, Motive und Handlungen stark auf den Informationen aus den Romanen aufbauen. Diese enge Verknüpfung macht es Zuschauern schwer, die ihren Einstieg in das Universum mit Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind begonnen haben.

An vielen Stellen tauchen jedoch Fragen auf, die selbst eingefleischte Potter-Fans ins Grübeln bringen. Auch einige Entscheidungen der Macher zu bestimmten Figuren und Handlungsverläufen machen das Publikum stutzig. Aber der Reihe nach…

 

Tierwesen

 

Zwei der alten Lieblinge haben sich  zu permanenten Sidekicks in der Story gemausert. Der Bowtruckle krabbelt über den gesamten Film hinweg an seinem Herrchen rum und knackt Schlösser und der Niffler dient der Spurensuche und klaut, für die Story wichtige, Gegenstände. Die beiden Wesen sorgen für ein paar heitere Momente mit hohem Spaßfaktor.

Ernüchterung stellt sich allerdings beim unbedarften Kinobesucher ein, wenn er feststellt, dass die Tierwesen nicht unbedingt zu einem der großen Bestandteile des Films gehören, obwohl der Titel per Definition etwas anderes verspricht. Das Publikum wird im ersten Viertel des Films mit einer Handvoll neuer Wesen konfrontiert, die im Verlauf kaum noch eine Rolle spielen. So bekommt zum Beispiel der Kelpie eine bildgewaltige Einführung mit aufregenden Unterwasserszenen, ohne einer weiteren Erwähnung würdig zu sein. Auch der Niffler-Nachwuchs sorgt zu Beginn der Story für Ahs und Ohs in der Zuschauerschaft und hat damit anscheinend seine Bestimmung erfüllt, denn ein zweites Mal bekommen wir die süßen Langfinger nicht zu sehen. Lediglich der Zouwu darf für eine actionreiche Szene noch einmal Newts Koffer verlassen, um für effektreiche Unterhaltung und einen weiteren putzigen Ah-und-Oh-Moment zu sorgen.

 

FANTASTIC BEASTS: THE CRIMES OF GRINDELWALD;
Credit: Warner Bros. Pictures

 

Die fantastischen Tierwesen, die der Betrachter erwartet, fehlen zwar nicht gänzlich aber wirklich überraschen und sich in die Handlung einfügen können sie nicht. Insbesondere die neu vorgestellten Wesen leisten kaum einen Beitrag zur Story und sind augenscheinlich einfach nur da, um verzückte Lacher zu heischen.

 

Charaktere und Konflikte

 

Gleich zu Anfang freut sich der Zuschauer über den Auftritt von Queenie und Jacob. Der Fanfavorit und No-Maj, der schon im ersten Film für köstlichen Humor gesorgt hat, tritt jedoch mit einem Konflikt im Gepäck auf, der recht schnell und unverhofft aufgebaut wird. Queenie möchte ihn heiraten, was in der magischen Gesellschaft der Vereinigten Staaten nicht erlaubt ist, und drängt darauf dieses Vorhaben im liberaleren Europa durchzusetzen. Jacob, in Sorge um seine Angebetete, die eine Bestrafung für dieses Vergehen erwarten würde, hält diese Idee für zu gefährlich. Die unterschiedlichen Ansichten der beiden treiben Queenie weg von Jacob und im Story-Verlauf in die Arme Grindelwalds, von dessen Revolutionsplänen sich die junge Hexe eine bessere Zukunft für sich und ihren Liebsten erhofft.

Dieser Konflikt zwischen den Figuren kommt aus dem Nichts und fordert dem Zuschauer einiges an Leistung ab, um die Lücken zu füllen. Ein kurzer Satz soll klären, aus welchen Gründen Jacob seine Erinnerungen zurückerlangt hat und nun, im vollen Bewusstsein über das Geschehene sowie  in einer festen Beziehung mit Queenie, wieder vor Newt steht. Dass die politischen Umstände in den USA diese Verbindung schon  nach kurzer Zeit heftig ins Wanken gebracht haben, sodass sogar Zauber zum Einsatz kommen, um den Partner in die Ehe zu zwingen, erklärt sich der Zuschauer durch das dringende Bedürfnis Queenies, keine heimliche Beziehung führen zu müssen. Man stellt sich Pläneschmiedereien und Diskussionen zwischen den Liebenden vor, die das Paar erst an diesen Punkt brachten. Verzeiht man diese Lücke im Narrativ, die man durchaus eigenständig füllen kann, ist es schon möglich die Entwicklung dieser Beziehung nachzuvollziehen. Schade ist es dennoch, dass Queenie, die talentierte Hexe mit der Fähigkeit Gedanken zu lesen, ihrer Enttäuschung und Wut über die Situation hilflos ausgeliefert präsentiert wird und völlig kopflos die Flucht in den Dunstkreis Grindelwalds antritt. Hat das Publikum von diesem Charakter vielleicht doch etwas mehr erwartet?

 

FANTASTIC BEASTS AND WHERE TO FIND THEM;
Credit: Warner Bros. Pictures

 

Offen bleiben außerdem Fragen zu dem Konflikt zwischen Grindelwald und Dumbledore. Der Zuschauer erfährt, dass die beiden sich wohl geliebt haben, es vielleicht sogar tief im Innern noch tun. Es wird zudem deutlich, dass sich die Ansichten der beiden, im Bezug auf den Herrschaftsanspruch der magischen Bevölkerung, grundlegend unterscheiden und Dumbledore der einzige Zauberer ist, der Grindelwald gewachsen zu sein scheint.

Wie aus dieser Konstellation eine Rivalität entstehen konnte, die den Tod des jeweils anderen als einzigen Ausweg vorsieht, bleibt wieder der Imaginationskraft des Zuschauers überlassen. Gezeigt werden das Bestreben der internationalen Zauberergemeinschaft, den kriminellen Gellert Grindelwald handlungsunfähig zu machen, sowie das Interesse dieser an Dumbledores Mitwirkung. Doch reichen Grindelwalds kriminelle Intention und die Unfähigkeit magischer Institutionen zur Verbrechensbekämpfung aus, um aus einer tiefen Liebe mit Blutschwur eine Tötungsabsicht zu machen? Ist es abwegig zu behaupten, dass sich Dumbledore – mit gebrochenem Herzen – hätte  zurückziehen und das Feld den Auroren überlassen können? Die Antwort darauf erwartet die Fangemeinschaft hoffentlich im nächsten Teil der Pentalogie.

 

FANTASTIC BEASTS: THE CRIMES OF GRINDELWALD;
Credit: Warner Bros. Pictures

 

Credences Suche nach der Wahrheit sorgt zusätzlich für jede Menge Diskussionsstoff. So klar seine Motive sind, so mysteriös erscheint die Offenbarung über seine Herkunft am Ende des Films. Ob und wie die Rolle vom verschollenen Bruder, Aurelius Dumbledore, in das Gesamtbild des Potter-Universums passt, bleibt abzuwarten. Einige Theorien dazu findet ihr hier: http://mymultiverse.de/2018/11/14/phantastische-tierwesen-grindelwalds-verbrechen-gedankengang-zum-ende/

 

Etwas Enttäuschung macht sich auch im Bezug auf die Einführung neuer Figuren breit, die vielversprechend daherkommen ohne einen bedeutsamen Platz im Geschehen einzunehmen. Newts Assistentin wird zu Beginn gezeigt, um für den Rest des Films wieder zu verschwinden, und Nagini ist die ganze Zeit über an Credences Seite, mehr aber auch nicht. Es bleibt nur zu hoffen, dass diesen Figuren in kommenden Filmen der Raum gegeben wird, den eine solche Charaktereinführung verlangt.

 

FANTASTIC BEASTS: THE CRIMES OF GRINDELWALD;
Credit: Warner Bros. Pictures

 

 

Stimmung

 

Einen wunderbaren Flashback-Moment gönnt man den Potterheads mit einem Ausflug nach Hogwarts. Die dort vorgestellten, jüngeren Formate zentraler Figuren sind eine echte Freude. Der junge Dumbledore, Newt und Lita als Schüler aber auch ein aufmüpfiger und Dumbledore-loyaler Gryffindor-Junge ohne tragende Rolle transportieren die vermeintliche Unbeschwertheit der besten Schule aller Zeiten perfekt. Als Zuschauer möchte man sofort seine magische Ausbildung beginnen, die Räume des Schlosses erkunden und die Figuren kennenlernen.  Beim Auftritt von Professor McGonagall werden Erinnerungen wach und das Fan-Herz macht einen kleinen Sprung, bevor sich der Kopf einschaltet und die Logik dem Einsatz dieses beliebten Charakters einen Strich durch die Rechnung macht.

 

Bis auf diesen, für die Fantasie der Fangemeinde größtenteils befriedigenden, Ausflug bleibt das Gesamtbild eher düster. In jungen Jahren tauscht Lita ihren Bruder kurzerhand mit einem fremden Baby aus, um sich nicht länger von seiner Anwesenheit genervt fühlen zu müssen, eine Anhängerin Grindelwalds tötet unnötigerweise ganz spontan ein französisches No-Maj-Kleinkind und Abernathy wird während der Inhaftierung die Zunge entfernt. Zudem halten Gellerts Reden und Auftritte stets einen bitteren Geschmack von Drittem Reich bereit.

Dark as fuck. Aber dieser Anstrich passt zur Stimmung, die die Macher erzeugen wollen, und untermalt das ganze Thema des Films mit dem dafür angebrachten Schrecken. So verstörend manche Szenen sein mögen, sie passen zu einem Grindelwald und unterstreichen dessen Charakter hervorragend. Dennoch muss man sich fragen, ob eine Altersfreigabe von zwölf an dieser Stelle noch angebracht ist.

 

 

Schauspielerische Leistung

 

Eddie Redmayne hat sich bereits im ersten Teil behaupten und die Herzen der Zuschauer erobern können. Einmal mehr steht sein herausragendes Talent völlig außer Frage. Den verschrobenen Tierwesenversteher, der Schwierigkeiten in der Kommunikation mit Menschen hat, bringt Redmayne so authentisch auf die Leinwand, dass er den Zuschauer die Tatsache, dass es sich dabei um Fiktion handelt, vergessen lässt. In den gemeinsamen Szenen mit Dan Fogler und Katherine Waterston passt einfach alles. Chemie und Humor stimmen einfach.

 

Die Entscheidung Jude Law als Albus Dumbledore einzusetzen löst bei vielen Zuschauern zustimmendes Nicken aus. Law hat verstanden den gutmütigen, wohlwollenden Charakter und die innere Zerrissenheit der Figur gekonnt umzusetzen. Die Befürchtung, man würde niemanden finden, der an die großartige Performance von Richard Harris und Michael Gambon anknüpfen kann,  konnte mit dieser Besetzung vollkommen ausgeräumt werden. DumbleLaw is a thing!

 

FANTASTIC BEASTS: THE CRIMES OF GRINDELWALD;
Credit: Warner Bros. Pictures

 

Ähnliches würde man vielleicht über die Leistung von Johnny Depp sagen, gäbe es da nicht dieses Problem, das bei aller Mühe nicht ignoriert werden kann: Seine übermäßige Präsenz in Hollywood. Bereits vor dem Start des ersten Films gab es erhebliche Bedenken, was Depps Mitwirkung anbelangte. Die öffentliche Debatte um seine Beziehung zu Amber Heard löste einigen Wirbel aus. Doch auch abseits der Diskussion um häusliche Gewalt stellt sich die Frage, ob diese Besetzung eine kluge Entscheidung war. Depp ist mittlerweile ein alter Hase im Filmbusiness. Sein Gesicht ruft Assoziationen hervor, da es bereits mit großen Filmrollen belegt ist, die sich in das Gedächtnis der Zuschauerschaft eingebrannt haben. Filme wie Fluch der Karibik, Blow oder Fear and Loathing in Las Vegas sind nur der Anfang einer ellenlangen Liste von absoluten Kassenschlagern und Kultfilmen. Seine lange Geschichte in Hollywood macht es den Fans schwer ihn unvoreingenommen als Gellert Grindelwald zu sehen und seine Performance zu bewerten. Feststeht, dass Depp sichtlich Spaß daran hat den finsteren Antagonisten zu spielen. Wen überrascht es?

 

FANTASTIC BEASTS: THE CRIMES OF GRINDELWALD;
Credit: Warner Bros. Pictures

 

 

Unterm Strich

 

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen ist ein düsterer Ausflug in Rowlings magisches Universum, der durch herausragende Effekte, schöne Kamerafahrten in Landschaftsszenen und schauspielerisches Können besticht. Doch an einigen Stellen machen sich die Längen in der Erzählung unangenehm bemerkbar. Diese hätte man durch gekonnte und zur Story passende Einsätze neuer phantastischer Tierwesen, die dem Film maßgeblich fehlen,  ausgleichen können. Auch die offenen Fragen zu den Motiven der Charaktere, Logikschnitzer und die Einführung von Figuren, die vorerst keine weitere Beachtung finden, schmälern den Filmgenuss. Dennoch lohnt sich ein Besuch im Kino besonders für Fans der Harry Potter-Buchreihe, die das Ende der Ära des Jungen der lebt nicht akzeptieren wollen. Die vielen Zauber, Gegenstände und Hinweise, die an die Bücher erinnern, lassen das Fan-Herz höher schlagen und auf die Fortsetzung gespannt sein. Auch, wenn nicht alles zum Kanon passt und nicht jede Referenz perfekt sitzt, ist Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen ein spannender Ritt in die Vorgeschichte der wohl bekanntesten Kinder- und Jugendbuchreihe der Welt.