Seit mehreren Monaten wird Kevin Feige immer wieder die gleiche Frage gestellt: „Was hat Marvel mit den X-Men vor, sobald der Fox-Disney Deal abgeschlossen ist“? Und beim einen oder anderen Mal soll Feige dann geantwortet haben, dass er immer auf einen Anruf von einem seiner Vorgesetzten warten würde, der ihm die Erlaubnis geben würde, die X-Men Rechte zu verwenden. Seit 12:02 Uhr Ostküstenzeit kann Kevin Feige minütlich mit diesem Anruf rechnen. Denn nach langer Wartezeit ist der Fox-Disney Deal nun weltweit abgeschlossen. Was das bedeutet, wieso das so lange gedauert hat und welche Folgen dieser Deal für die gesamte Filmindustrie haben wird, versuchen wir euch hier in diesem Artikel näher zu bringen.

Die Geschichte des Deals

Ende 2017 kamen erste Gerüchte auf, dass der englische Medienmogul Ruport Murdoch in Verhandlungen mit der Walt Disney Company stehen würde, um einen Großteil seines Medienkonzerns zu verkaufen. Nachdem Ruport Murdoch bereits 2013 den Printmedien-Bereich der ursprünglichen News Corporation in die News Corp ausgegliedert hat und die Film- und Fernsehsparten als 21st Century Fox an den Markt gebracht hat, sollte nun dieser Bereich erneut beschnitten und verkauft werden. Am 14. Dezember 2017 bestätigte dann die Walt Disney Company die Gerüchte und gab bekannt, dass sie für 52,4 Milliarden US-Dollar die 20th Century Fox Studios, mehrere TV Kanäle, sowie einen großen Anteil an der gemeinsamen Streaming-Plattform Hulu erwerben wollte.

 

Der Aufkauf von Fox durch Disney ist nur eine weitere Eskalationsstufe der Expansionspolitik Disneys innerhalb der Medienbranche. Nachdem 2009 Marvel für knapp 4 Milliarden und Lucasfilm 2012 für ebenfalls knapp 4 Milliarden US-Dollar aufgekauft wurde, gab es in der Medienbranche viele weitere sogenannte Merger, also Fusionen oder Aufkäufe von Firmen. AT&T versuchte mehrere Jahre lang mit Time Warner zu fusionieren. AT&T ist in den USA eine der grössten Telekommunikationsgesellschaften und deren Konkurrent Comcast hatte bereits 2011 NBCUniversal aufgekauft. Die Taktik dabei ist klar: Auch wenn man ein großer Internetanbieter auf dem Markt ist, ist das beste Lockmittel für einen neuen Kunden das Content-Paket, das man anbieten könnte. Netflix ist mittlerweile ein starker Player im Medienmarkt geworden und wird von Jahr zu Jahr selbstbewusster, insbesondere was das Produzieren neuer Filme und Serien angeht und ist Vorreiter für diverse Sparten-Streaming-Plattformen.

 

Und so war nicht nur Disney an dem Fox Konzern interessiert, sondern auch Comcast, die Disneys Angebot auf 65 Milliarden erhöhten. Disney’s endgültiges Angebot von 71,3 Milliarden Dollar konnte, bzw. wollte Comcast nicht mitgehen. Insbesondere, weil Comcast innerhalb Europas ebenfalls expandieren wollte. Denn dort gab es einen Bieterstreit um die Bezahlplattform Sky mit… niemand anderem als die 21st Century Fox selbst. Fox wollte dadurch den Wegfall der Filmstudios kompensieren und sich anders auf dem Medienmarkt positionieren. Dies ist aber nicht gelungen und so konnte Comcast zumindest für insgesamt knapp 39 Milliarden US-Dollar Sky aufkaufen.

 

Der langwierige Einverleibungsprozess

Auf der höchsten Managementebene war man sich also einig. Die 20th Century Fox Film Studios und viele weitere Bereiche sollen an Disney verkauft werden. Doch der Prozess der Integration beider Unternehmen ist langwierig: In jedem Land, in dem beide Firmen vertreten sind, müssen unter anderem sogar die jeweiligen Regierungen den Zusammenschlüssen zustimmen. Insbesondere mit Hinblick auf ein mögliches Monopol oder Kartell. Zum Beispiel hatten britische Behörden starke Bedenken bei dem möglichen Zusammenschluss von Fox und Sky, denn beide Unternehmen sind auch für ihre jeweiligen Nachrichtenkanäle wie Fox News oder Sky News bekannt. Ein Zusammenschluß beider Sender unter einem Banner war deshalb für die britische Regierung ein No-Go und so wurde zeitweise sogar ein Plan ausgearbeitet, indem Disney Sky News aus Sky hätte herauskaufen sollen.

 

Solche Probleme gab es in einzelnen Gebieten aber auch für den Fox-Disney-Deal. Unter anderem musste Disney in Europa die A&E Networks ausgliedern, zu denen unter andem der History Channel oder Lifetime gehören. Ebenfalls wurden under anderem in den USA, Brasilien und Mexiko die Zusammenlegung diverser Sportkanäle angemahnt. Nachdem im vergangenen Sommer eine Beendigung der Zusammenlegung bis zum Sommer 2019 geplant gewesen war, ist nun der Deal endgültig über die Bühne gegangen. Doch was hat Disney nun tatsächlich aufgekauft?

 

Der volle Einkaufswagen

Von den ursprünglichen Planungen gab es nur einige wenige Abweichungen. Disney kauft die komplette 20th Century Fox Film Corporation, also nicht nur das Hauptstudio, sondern auch die Animations-Abteilung, Fox Family, die Searchlight Pictures, sowie die Television Studios, die FX Networks, einen Großteil National Geographics, 50% Endemols, Anteile bei indischen Medienunternehmen, sowie 30% Anteile an Hulu.

Ursprüngliche Anteilseigner von Hulu

Neue Anteilseignerverteilung von hulu (WarnerMedia Anteil ist derzeit unter Verhandlung)

Disney hatte bislang bereits 30% Anteile besessen und wird nun mit insgesamt 60% Hauptanteilseigner werden. Vor 2 Wochen wurde bekannt, dass Disney bereits Kontakt aufgenommen haben soll, um die 10% Anteile von WarnerMedia zu kaufen. Weitere 30% gehören interessanterweise Comcast/NBCUniversal. Damit wird Hulu für Disney ein weiteres starkes Standbein werden, insbesondere mit Hinblick auf die kommende Streaming-Plattform Disney+, die derzeit vorbereitet wird und bis Ende 2019 in den USA starten soll. Dieser Kanal soll weitestgehend mit familienfreundlichem Material programmiert werden, unter anderem mit Realverfilmungen und exklusiven Shows aus dem MCU (u.a. basierend auf Scarlet Witch & Vision, Winter Soldier & Falcon, sowie Loki) und dem Star Wars Universum (The Mandalorian). Und damit verbunden sind auch diverse Filmrechte und Franchises, aber dazu gleich mehr.

 

Fox selbst wird umgebaut zur Fox Corporation und beinhaltet u.a. die Fox Fernsehsender, die Fox News Group, sowie die Fox Sports Kanäle. Weiterhin behält Fox die Grundstücksrechte der Fox Studios selbst und vermietet die natürlich in Zukunft an Disney weiter.

 

Welche Rechte gehen denn nun an Disney?

Wenn man sich im Internet in den Kommentarsektionen auf Twitter oder Facebook herumschaut, dann freuen sich die meisten Fans darüber, dass nun Charaktere wie X-Men oder die Fantastischen Vier nun ins MCU integriert werden könnten. Während Kevin Feige sich zwar oftmals optimistisch über die Zukunft neuer Bereiche des Marvel Universums, wenn auch verschlossen, geäussert hat, war Bob Iger mehrfach sehr offen über Charaktere wie die Fantastischen Vier oder Deadpool, den man auch im MCU platzieren könnte.

 

Die Rechtelage der Fantastischen Vier könnte allerdings immer noch interessant sein, denn ursprünglich wurden die Filmrechte 1986 vom deutschen Filmproduzenten Bernd Eichinger für die Constantin Film aufgekauft. Um die Rechte langfristig weiter verwenden zu können hatte Eichinger 1992 dann einen Low-Budget-Film produzieren lassen, der aber nie offiziell veröffentlicht wurde, nur um die Filmrechte weitere Jahre verwenden zu dürfen. Die Rechte scheinen aber von Constantin nur weiter an Fox lizensiert worden zu sein. Dementsprechend kann es also immer noch sein, dass Constantin Mitspracherecht haben könnte bei den Fantastischen Vier. Andererseits sind seit dem letzten Filmversuch 2015 bereits 4 Jahre vergangen sein und wie bereits in den 80ern und 90ern könnte irgendwann die Uhr herunterticken und die Rechte gehen wieder komplett zurück an Marvel. Dies sind allerdings nur Spekulationen unsererseits, könnte aber durchaus ein Grund dafür sein, dass ein neuer Fantastic Four Film innerhalb des MCU noch etwas dauern könnte.

 

Bei Deadpool könnte die Übernahme sogar mit dem Ryan Reynolds Charakter funktionieren. Deadpool ist bekanntlich eh ein Charakter, der gerne mit der vierten Wand interagiert und könnte dementsprechend sogar relativ schnell integriert werden können.

Interessanter wird es allerdings mit den diversen anderen X-Men Filmen. X-Men: Dark Phoenix und New Mutants sind derzeit immer noch gesetzt und sollen im Juni und August in die Kinos kommen. Alle weiteren geplanten Filme wie Gambit, X-Force oder ein Kitty Pride Film sind entweder bereits auf Eis gelegt, wurden gecancelt oder befinden sich auf Sparflamme. Hinter den Kulissen scheint derweil fast schon eine Art Endzeitstimmung zu herrschen: Viele Crew-Mitglieder, die in der Filmproduktion arbeiten müssen um ihre Arbeitsstelle fürchten. Denn es handelt sich hier um eine sogenannte horizontal merger, eine horizontale Fusion. Beide Firmen kommen aus der gleichen Branche, haben also viele Überschneidungsbereiche: Ähnliche Arbeitsgruppen könnten also gut zusammengelegt werden und verschlankt werden. Dementsprechend können nach der Zusammenlegung viele Arbeitsstellen wirklich wegfallen.

 

Realistisch gesehen müssten wir also erst abwarten, bis Kevin Feige Stellung zur weiteren Entwicklung des Marvel Universums beziehen wird. In knapp einem Monat wird bereits Avengers: Endgame starten, ein möglicher Teaser (z.B. als End-Credit Scene) für kommende (ehemalige) Fox-Marvel-Charaktere ist zwar relativ unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Anfang Juli startet dann ja zwar schon Spider-Man: Far From Home, aber bislang fehlt noch eine Roadmap, wie sie Marvel 2014 für die Phase 3 vorgestellt hat. Zwar gibt es immer wieder Gerüchte um kommende Filme wie Black Widow, Eternals, Black Panther II, Doctor Strange II oder Guardians of the Galaxy III, das nach der Wiedereinstellung von James Gunn wieder bald auf die Tagesordnung rutschen könnte, aber bislang sind ausser gesetzten Terminen noch keine genauen Planungen bekannt geworden. Warten wir also da den Sommer ab.

 

Aber kommen wir zurück zu weiteren wichtigen Rechten. Und da kommen wir zum Beispiel zum fehlenden Zacken in der Star Wars Krone. Beim Kauf von Lucasfilms hat Disney zwar die Vertriebsrechte an den meisten Star Wars Filmen erhalten, aber das Kronjuwel fehlte bislang: Der originale Star Wars Film: Episode IV. George Lucas hatte seinerzeit nur die Rechte an den Fortsetzungen und am Merchandising. Diese hatte er dann 2012 an Disney verkauft, aber die Rechte am originalen Film blieben bei Fox. Dementsprechend hat Disney also nun die komplette Star Wars Saga unter Kontrolle.

 

Und jetzt wird es sehr interessant, denn Disney hat nun einen Riesen-Katalog an IPs und Franchises, die man nun weiter verwerten kann mit neuen Filmen, Serien oder anderen Medien. Dazu gehören Franchises wie Stirb Langsam, Aliens, Predator, Independence Day, Planet der Affen, Ice Age oder Serien wie Buffy, Akte X, 24, Simpsons, Family Guy oder Futurama. Das Avatar Franchise könnte ebenfalls eine wichtige Speerspitze werden, denn James Cameron will bekanntlich bis zu 4 Fortsetzungen produzieren. Bislang sind diese an mehreren Dezember-Terminen in den kommenden Jahren bis 2025 eingeplant gewesen. In den vergangenen Jahren war dieser Slot bereits von den diversen Star Wars Filmen belegt gewesen, dementsprechend könnten diese Filme entsprechend weit voneinander terminiert werden, um nicht gegenseitig in Konkurrenz zu treten. Generell muss man bei diesen Franchises aber immer aufpassen, ob die Rechte wirklich komplett bei Fox liegen oder ob es da Rückfallmöglichkeiten geben könnte, so dass ehemalige Macher oder Produzenten unter Umständen Rechte zurückkaufen könnten. Bestes Beispiel ist hierfür das Terminator-Franchise, das nach diversen Versuchen verschiedener Produktionsfirmen nun wieder an James Cameron zurückgegangen sein soll. Insbesondere bei den Simpsons könnte der aktuelle Deal direkte Folgen haben können. Bislang wurden die Episoden von den Animations Studios produziert, ausgestrahlt werden sie aber auf dem Fox Kanal in den USA. Die Animations Studios könnten nach aktueller Informationslage zu Disney gewandert sein. Der Fox Kanal bleibt aber nach heutigen Informationen in der neuen Fox Corporation. Dementsprechend haben wir also eine Situation, dass auf dem Fox Kanal zwar die Simpsons immer noch ausgestrahlt werden könnten, aber eigentlich von Disney produziert wird. Dies macht sich dann spätestens beim späteren Vertrieb, u.a. bei DVDs bemerkbar, da dies nun durchaus Disney’s Buena Vista werden könnte. Eine ähnliche Situation hatte man zum Beispiel in den 90ern als die Fox-produzierte Serie beim damaligen Warner Bros. Heimsender The WB ausgestrahlt wurde. Ach ja. Fox Television plante 2018 mit einem Reboot der Jägerinnen-Serie. Dementsprechend würde es nicht überraschen, wenn eine neue Buffy exklusiv auf hulu oder Disney+ auftauchen würde. Allerdings sollten wir uns alle im Klaren sein, dass die meisten Rechte auf Verträgen basieren, die unter strengem Verschluss sind und meist viel Kleingedrucktes beinhalten. Deshalb sind die meisten Aussagen über Fox-Franchises pure Spekulation und müsste jeweils im Einzelfall betrachtet werden.

 

Fazit

Ihr seht also: Mit dem Kauf der Fox Studios versucht Disney in die Zukunft zu investieren, die vermutlich im Online-Streaming liegen wird. Dazu benötigte Disney ein möglichst großes Portfolio an Filmen und Franchises, die man auf Plattformen wie hulu oder Disney+ verwenden kann. Andere Firmen und Konglomerate versuchen in der Zwischenzeit ebenfalls zu expandieren, fusionieren oder bieten sich anderen Firmen zum Kauf an. Lionsgate sprach im vergangenen Jahr immer wieder mögliche Verkaufsoptionen an. CBS und Viacom versuchen seit letztem Jahr ebenfalls eine Fusion, nachdem Viacom vor knapp 10 Jahren den TV-Bereich in CBS und den Filmbereich in die Viacom-Tochter Paramount auslagerte. Diese Fusion wurde bislang bis Mitte letzten Jahres durch starke Ambivalenzen zwischen der Redstone Familie sowie Ex-CBS-Chef Les Moonves verhindert. Da dieser aber mittlerweile nach mehreren sexuellen Belästigungsvorwürfen aus der Firma geschmissen wurde, schienen nun beide Firmen sich wieder kurzzeitig etwas anzunähern… oder auch nicht. Es bleibt also spannend, welche Firmen als nächstes geschluckt werden in einem Monopoly-Spiel, das mittlerweile immer mehr Fahrt aufzunehmen scheint… und immer mehr Spieler das Spiel beenden müssen.