11 Jahre ist es her, als der erste MCU-Film in die Kinos gekommen ist. Zuvor gab es zwar vereinzelte Marvel-Filme wie die X-Men Reihe, die Spider-Man Trilogie von Sam Raimi, die Blade Trilogie oder die Fantastischen Vier. Doch all diese Filme waren einzelne, getrennte Mini-Universen, die nicht miteinander interagieren konnten, bzw. durften. Es wäre zum Beispiel beim allerersten Spider-Man bekanntlich fast zu einem Cameo-Auftritt von Hugh Jackman gekommen. Doch bis zum ersten Aufeinandertreffen zwischen Spider-Man und Wolverine kann es noch etwas dauern, auch wenn die wichtigsten Weichen für dieses Zusammentreffen bereits gelegt worden sind. Seit 2008 hat das MCU bislang insgesamt 11 Mini-Franchises hervorgebracht und Avengers: Endgame ist für einige dieser Franchises ein mehr als würdiger Abschluss. 

 

Der Film hat nach dem grossartigen Infinity War eine schwierige Aufgabe: Kann der Film noch besser werden als der Vorgänger? Wenn man es objektiv betrachtet, muss man dies leider verneinen, mit einem sehr grossen Aber. Denn der Film ist auf eigene Art und Weise grossartig. Wenn “Infinity War” das “Imperium Schlägt Zurück” des Marvel Universums war, dann ist “Endgame” die “Rückkehr der Jedi-Ritter” des MCU. Oder die “Rückkehr des Königs” aus dem Lord of the Ring Zyklus. Infinity War war ein Film, der einzig und allein auf dem Plan Thanos basierte, die sechs Infinity Steine zu sammeln, um seinen wahnsinnigen Plan durchzuführen, die Hälfte aller Lebewesen des Universums zu vernichten. Dadurch, dass die Avengers und Guardians in der halben Galaxie verstreut waren, hatte der Film stellenweise fast schon den Aufbau einer klassischen Game of Thrones Episode: Mehrere wechselnde Charakterengruppen werden nach und nach betrachtet und bringen den Plot langsam von Szene zu Szene nach vorne bis sämtliche Handlungsstränge in Wakanda (bzw. Titan) zusammengeführt wurden.

 

Avengers: Endgame bricht mit dieser Struktur, denn der Fokus dieses Films liegt darin, die bislang verstreuten und stellenweise verbitterten Avengers wieder zusammenzubringen. So sehen wir im ersten Drittel des Films die Welt nach dem Schnipser. Ein Grossteil der Menschheit muss immer noch den schmerzhaften Verlust verkraften, während andere versuchen sich eine neue Zukunft aufzubauen und versuchen ein neues, glückliches Leben zu leben. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine neue Hoffnung auftaucht, die es ermöglichen könnte, den Schnipser rückgängig zu machen. 

 

Im Verlauf des Filmes zeigt sich, dass der Film nicht nur ein Liebesbrief an Fans der einzelnen Filme, sondern auch an die einzelnen Charaktere ist. Es gibt zahlreiche Cameos von Schauspielern und Charakteren aus früheren Filmen, von denen man dachte, dass man sie nicht mehr im MCU sehen würde. Dabei fühlt sich Endgame in der Mitte des Films fast schon wie ein Best Of-Zusammenschnitt der vergangenen 10 Jahre an und Fans werden ein Easter Egg nach dem anderen finden. Fast jeder bisherige Film des MCU wird auf die eine oder andere Art referenziert, wie z.B. Iron Man, Avengers, Guardians of the Galaxy, Captain America: Winter Soldier, aber auch neuere Filme wie Ant-Man and the Wasp oder Captain Marvel. Das alles wird für das Grundverständnis des Films nicht benötigt, aber man kann die vielen subtilen Gags, die es im Film gibt, besser verstehen. Dabei kommt es hier auch zum ersten Mal zu einem Cameo eines Schauspielers einer Marvel-TV-Serie… in der gleichen Rolle, in der dieser Schauspieler auch gecastet wurde. Angesichts der Tatsache, dass einige Charaktere eine eigene Serie auf dem Disney+-Streamingservice erhalten werden, kann dies in kommenden Filmen sogar noch öfter vorkommen. Falls sich auch jemand darüber wundern sollte, wieso es in der vergangenen Woche so viele Fortnite-Tie-Ins gegeben hat, sei hier nur kurz angemerkt, dass es im Film auch eine Referenz zum derzeitigen Multiplayerspiel Nummer 1 gibt.

 

Das Ende des Films ist gleichzeitig ein Abschied des alten Sextetts der ursprünglichen Avengers-Gruppe und zugleich ein guter Start für die Zukunft des MCU. Wie schon oben gesagt, werden einzelne Charaktere eigene Serien (The Falcon and the Winter Soldier, Loki, WandaVision, Hawkeye?) oder sogar Filme (Black Widow?) erhalten, viele bereits etablierte Charaktere werden Fortsetzungen ihrer eigenen Filme erhalten (wie z.B. Spider-Man: Far From Home im Sommer). Das Ende von Endgame liefert hierfür sehr viel Potential und mehrere Möglichkeiten, in die sich diese einzelnen Fortsetzungen entwickeln können.

 

Avengers: Endgame ist ein zusammengewürfelter Mix aus vielen einzelnen Charakterszenen, historischen Momenten des MCU, sowie einem finalen Endkampf, der von der Grösse den Kampf um Wakanda aus dem Vorgängerfilm in den Schatten stellen kann. Dazwischen gibt es vereinzelte Momente, die den wahren Fan zum Lachen bringen. Mehrere Szenen im Film sind „Fuck Yeah“- Momente, also Momente, in der man sich einfach nur freut, was man da auf der Leinwand sieht. Und es gibt einige Szenen, die einen zum Weinen bringen. Nehmt euch also einige Taschentücher mit. Ihr werdet sie brauchen. Im direkten Vergleich zu Infinity War hat Endgame stellenweise mit einigen Logiklöchern zu kämpfen und hat auch nicht die gleiche Filmstruktur, sondern ist klar in mehrere Teile unterteilt. Fans von Actionszenen werden wohl enttäuscht werden, da die meiste Action nur vereinzelt und dann gebündelt zum Schluss des Films passiert. Ein durchgehendes Thema im zweiten Akt des Films ist die Frage „Was würdest du tun, wenn du einen verstorbenen Freund oder Elternteil noch einmal sehen würdest, was würdest du dann tun“ und es ist ziemlich wundervoll umgesetzt, wie die einzelnen Reaktionen sind. Im Gegensatz zum Vorgänger ist der Bösewicht dieses Films (ja, es ist wieder Thanos) nicht so sehr im Vordergrund und ist leider nicht mehr der gleiche, vielschichtige Charakter aus Infinity War. Der Soundtrack von Alan Silvestri passt zum kompletten Film und verstärkt die zahlreichen “Fuck Yeah”-Momente des Films, wenn die passenden Themes eingespielt werden, wie zum Beispiel die Themes von Ant-Man, Captain America, Captain Marvel oder Doctor Strange. Während das Avengers-Thema in Infinity War nur selten verwendet wurde, ist es hier durchweg durch den gesamten Film zu hören, in einer Szene sogar mehrfach hintereinander. 

 

Mittlerweile hat der Film schon mehr als 1,2 Milliarden US-Dollar weltweit an den Kinokassen eingespielt, seitdem der Film ab Dienstag, bzw. Mittwoch international gestartet ist. Damit hat Avengers: Endgame schon einen ersten Rekord gebrochen und ist damit der Film, der als schnellstes die Milliardenmarke durchbrochen hat. Avengers: Infinity War ist vergangenes Jahr nur knapp über die 2 Milliardenmarke gekommen und ist der vierterfolgreichste Film aller Zeiten hinter Avatar, Titanic und Star Wars: The Force Awakens. Wir werden sehen, ob und wann Endgame auch in diesen exklusiven Club der erfolgreichsten Filme aller Zeiten stossen wird. Dementsprechend ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Du als Leser dieses Beitrags diesen Film noch nicht gesehen hat. Falls dem so sein sollte, dann geh so bald wie möglich in diesen Film.