Es ist wieder die Zeit des Jahres, in der Disney versucht, einen alten Zeichentrickklassiker als Realverfilmung neu ins Kino zu bringen. Nachdem Dumbo im Frühjahr eigentlich fast schon gefloppt ist, kommen nun mit Aladdin und Der König der Löwen zwei Filme aus der Disney Renaissance in den 90er Jahren in die Kinos. Simba kommt erst im Juli in die Kinos, aber zuerst kommt Guy Ritchie’s Aladdin in die Kinos. Filmisch gesehen ist es fast eine 1:1 Kopie mit einigen Änderungen. Da aber im Moment außerdem in Stuttgart eine Adaption einer Adaption einer Adaption läuft (Stuttgarter Adaption einer Hamburger Adaption der Broadway Adaption des Originalfilms), habe ich mir gedacht, dass ich innerhalb von drei Tagen den Originalfilm, das Musical und dann die 2019er Variante anschaue. Um die Unterschiede deutlich zu machen, habe ich mal das ganze in einer einfachen Checkliste zusammengefasst…

 

Aladdin (1992) Aladdin (Musical in Stuttgart) Aladdin (2019)
Abu vorhanden Ja Nein
Auf der Bühne macht ein richtiger Affe keinen Sinn und ist nur kurz als Easter-Egg zu sehen. Ausserdem viele Affen-Witze.
Ja
CGI-Affe
Fliegender Teppich vorhanden Ja Ja
Absolutes Highlight des Musicals, wenn Aladdin und Jasmin auf der Bühne herumfliegen… und man nicht weiß, wie man das auf der Bühne hingekriegt hat, ohne dass man etwas sieht. Allerdings nur in „Eine neue Welt“ und im „Abspann“ zu sehen. Ansonsten ist der fliegende Teppich statisch.
Ja
Eigener Charakter wie im 1992er Original. Textur sieht besser aus. Erinnert diesmal eher an Doctor Stranges Umhang.
Jago als Papagei Ja Nein
Jago ist hier eine reale Person und der Diener Dschafars.
Ja
CGI-Papagei, der allerdings diesmal wesentlich weniger sagt als in den anderen Versionen.
Aladdin hat drei Freunde und bildet mit ihnen ein Gesangsquartett Nein Ja
Dies bringt einige neue Lieder in die Geschichte hinein.
Nein
Rajah vorhanden Ja Nein Ja
Auch hier ein CGI-Tiger.
Genie ist eigentlich der Erzähler des Films Jein
Nur via Deleted Scene und den 2 Sequels.
Nein Ja
„Arabische Nächte“ Ja Ja Ja
Will Smith’s Stimme ist etwas schwach für den Gesang dieses Tracks.
Aladdin stiehlt Brot und schenkt es Armen Ja Ja Ja
Jafar schickt ein Opfer in die Höhle der Wunder und erfährt dadurch vom ungeschliffenen Diamanten. Ja Nein
Jafar liest zusammen mit Jago in einigen Büchern und erfährt dadurch vom ungeschliffenen Diamanten.
Ja
„Schnell Weg“ Ja Ja Ja
feat. Jasmin
„Stolz auf deinen Sohn“ Jein
Nur als Deleted Scene
Ja Nein
Aladdin rettet Jasmin davor, die Hand abgehackt zu bekommen. Ja Ja Ja
kurz vor „Schnell Weg“
Jafar nutzt seinen Stab wie Loki den Mind-Stone Ja Nein Ja
Jasmin und Aladdin flüchten in Aladdins „Wohnung“ Ja Ja
Diesmal mit gemeinsamen Duett.
Ja
Aladdin wird gefangen genommen und von Jafar in die Wüste entführt Ja Ja Ja
Aladdin geht in die Höhle, findet die Lampe und Abu bringt die Höhle zum Einsturz. Ja Jein
Aladdin macht das diesmal selbst.
Ja
„So ’nen Kumpel hattest du noch nie“ Ja
Robin Williams at his best. Viele Anspielungen. Disney-Klassiker-Medley vorhanden.
Ja
Stand-Out Performance des Dschinni-Darstellers. Viele aktuelle Anspielungen auf „Der Preis ist heiß“, „Let’s Dance“, etc. Disney-Klassiker-Medley vorhanden (und erweitert). Dschinni macht den Floss.
Ja
Großartige Performance von Will Smith, diesmal mit starken Hip Hop Einflüssen. Kaum aktuelle Anspielungen. Disney-Klassiker-Medley nicht vorhanden. Dschinni macht keinen Floss.
Aladdin trickst bei seinem ersten Wunsch und kommt so aus der Höhle. Ja Ja Ja
Aladdins erster Wunsch ist es, ein Prinz zu sein. Ja Ja Ja
Prinzessin Jasmin hat eine showstoppende Power-Ballade. Nein Jein.
Jasmin hat zwar ein eigenes Thema, ist aber besser in die Story integriert.
Ja.
Starker Kandidat, um „Let It Go“ als beste Disney Power-Ballade abzulösen.
„Prinz Ali“ Ja Ja Ja
„Eine neue Welt“ Ja Ja Ja
Aladdin wird gefangen genommen und ins Meer geworfen. Sein zweiter Wunsch rettet ihm quasi das Leben. Ja Nein
Macht auf der Bühne keinen Sinn. Aladdin wird ins Verließ gesperrt und seine drei Kumpanen versuchen ihn zu befreien. Aladdins zweiter Wunsch befreit ihn und seine Freunde aus dem Kerker.
Ja
Jafar war früher selbst ein Dieb und Betrüger wie Aladdin. Nein Nein Ja
Jafar stiehlt die Lampe Ja Ja Ja
Jafars Wünsche: Sultan, Hexer, Dschinn Ja Jein
Der zweite Wunsch ist direkt der Dschinn-Wunsch.
Ja
Dschinni wird mit dem dritten Wunsch frei gesetzt und macht eine Weltreise. Ja Ja Ja

 

 

Kurzum, die Neuverfilmung hält sich sehr an das Originaldrehbuch. Es gibt hier und da ein paar kleine Änderungen in der Anordnung der Storybeats. Jasmin hat in dem Film einen deutlichen Push erhalten. Zwar war sie schon im Originalfilm tough und unabhänging, so wird sie nun endgültig zu einer Kämpferin für die Gleichberechtigung und erhält dazu auch noch eine entsprechend neue Powerballade, die fast einen Tick besser ist als „Let It Go“ aus Frozen. Naomi Scott ist nicht nur eine fast perfekte Besetzung für Jasmin, sondern hat vermutlich im gesamten Cast auch die beste Stimme. Will Smith versucht erst gar nicht, Robin Williams durchgeknallten Dschinni zu kopieren, sondern gibt der Figur eine ganz eigene Note. Cinematografisch gesehen ist der Film leider ein wenig enttäuschend, da Guy Ritchie den Film fast schon eher als ein Musikvideo gedreht hat, und in den wenigen reinen Action-Szenen keine eigene Note setzt wie zum Beispiel in Snatch oder in den Sherlock Holmes Filmen. Nichtsdestotrotz ist Aladdin (2019) ein Film für die gesamte Familie, sowie die Generation 20-30+, die mit dem Original aufgewachsen ist. Ich glaube diejenigen, die die meisten Probleme mit dem Film haben werden, sind Leute, die generell ein Problem mit starken Frauenfiguren haben. Mag sein, dass viele Kritiker, die dem Film eine durchwachsene Bewertung gegeben haben, dies durchaus als einen großen Kritikpunkt angesehen haben. Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen, sondern fand diesen Punkt hier in diesem Film besonders gut herausgestellt.

So viel zum Film. Aber ich war diese Woche ja noch in der Musical Variante gewesen. Hier sah die Geschichte etwas anders aus. Mehrere Charaktere mussten in dieser Variante entweder umgeschrieben oder zum Teil ganz gestrichen werden. Ehrlich gesagt hat mir hier der Dschinni auch am besten gefallen, insbesondere weil die lokale Produktion auch sehr viel lokales eingebracht hat. Da wird ein Daimler-Stern gezeigt, wenn vom Abendstern gesprochen wird; Dschinni bricht mehrfach die vierte Wand und spricht das Publikum direkt an und springt vom Schweizer Dialekt ins Schwäbische und dann ins Berlinerische und ins Bayrische. Es fühlt sich sehr wie der Original-Dschinni von Robin Williams an, aber auch ein wenig wie Deadpool. Und dieser Aspekt hat mir ehrlich gesagt bei der Will Smith-Variante gefehlt.

Insgesamt gesehen war es (für mich zumindest) eine sehr Aladdin-lastige Woche und ich kann mittlerweile auch fast alle Lieder jetzt mitsingen. Ich würde aber nach ein paar Tagen Abstand die Musical-Variante als beste Interpretation ansehen und die Neuverfilmung auf Platz 2. Der Originalfilm liegt zwar dadurch auf Platz 3 meiner Liste, ist aber nicht weit von der Live-Action-Version entfernt. Vielleicht liegt es auch in der schwierigen Hintergrundgeschichte des Originalfilms, die mehrfach in der Produktionsphase geändert werden musste und nun mit der dritten Iteration (nach Originalfilm und Musical) deutlich geschliffener ist. Dementsprechend ist für mich der Originalfilm auch nun eher… „Der ungeschliffene Diamant“.