Die Automobilindustrie befindet sich derzeit im Umbruch. Auf der einen Seite wird die Verwendung von Verbrennungsmotoren derzeit stark hinterfragt, auf der anderen Seite wird die Automatisierung der Fahrzeuge stark vorangetrieben von Firmen wie Uber oder Tesla. Man kann sich also durchaus die Frage stellen, ob in 20 oder 30 Jahren Menschen immer noch selbst Autos fahren oder sich von einer künstlichen Intelligenz fahren lassen.

NeoCab Trailer

An diesem Punkt setzt NeoCab ein, das vor kurzem auf Apple Arcade, Nintendo Switch und Steam erschienen ist. NeoCab ist ein textbasiertes Adventurespiel, das in einer nahen, aber doch fern scheinenden Zukunft stattfindet, gerade an dem Zeitpunkt, an dem entschieden werden könnte, wie die Zukunft des Autofahrens aussehen wird. Entwickelt wurde das Spiel von dem noch jungen Indie-Team namens Chance Agency und ist deren erstes veröffentlichtes Spiel, das über den Publisher Fellow Traveller erschienen ist. Das Spiel erzählt die Geschichte der jungen Taxifahrerin Lina, die für eine Firma arbeitet, die in etwa wie Uber funktioniert: Über eine App kann man mehrere Passagiere finden, die man von einem beliebigen Punkt A nach Punkt B fahren kann. Jede Fahrt, die dann stattfindet, zeigt dann eine Konversation zwischen Lina und dem jeweiligen Fahrgast. Dabei hat jeder Fahrgast seine eigene Hintergrundgeschichte, eigene Ansichten und eigene Wünsche. 

Linas erste Taxifahrt in Los Ojos

Lina ist ausgestattet mit einem Armband mit dem Namen Feelgrid, das ihre aktuelle Emotionslage visuell anzeigt: Ist sie angespannt, aufgeregt, deprimiert oder glücklich, wird dies automatisch von ihrem Armband angezeigt. Dies kann sowohl von den Fahrgästen gesehen werden, als auch die Antwortmöglichkeiten beeinflussen, denn bestimmte Antworten kann Lina nur in einem bestimmten emotionalen Zustand geben. Zum Schluss der Taxifahrt gibt dann der Fahrgast ein Urteil und man muss sich Gedanken machen, ob man einem Gast die Meinung geigt oder doch lieber ein 5-Sterne-Rating behalten möchte.

Das Feelgrid zeigt an, in welchem emotionalen Zustand Lina sich befindet.
Man muss schon gut aufpassen bei den unterschiedlichen Fahrgästen, dass man auch immer eine gute Bewertung erhält.

Das Spiel findet in der Stadt Los Ojos statt, das quasi eine Art Mischung aus der Technologie-Hochstadt San Francisco und Großstadt Los Angeles ist. In dieser Stadt befindet sich der Firmensitz der Technologie-Firma Capra, deren Technologien sich in fast allen Bereichen des Lebens ausgebreitet haben. Capra hat die Fahrzeugautomatisierung soweit vorangetrieben, dass Taxifahrer von heute auf morgen komplett durch autonom fahrende Fahrzeuge ersetzt wurden. Nur noch vereinzelte Konkurrenzfirmen, wie z.B. NeoCab hat noch ein Netzwerk an Taxis mit menschlichen Fahrern wie Lina. Lina hat zu Beginn des Spiels den Entschluss gefasst, ihr Leben in Los Ojos neu zu starten zusammen mit ihrer früheren, allerbesten Freundin Savy. Im Verlaufe der kommenden Tage muss sie herausfinden, welche Geheimnisse ihre beste Freundin vor ihr hat und welche Machenschaften Capra durchführt. Dabei muss sie täglich abschätzen, welche Routen sie fahren kann, ob sie tanken muss, wo sie am billigsten übernachten kann und welcher ihrer Fahrgäste ihr zu einem 5 Sterne-Voting verhelfen kann.

Textnachrichten mit der besten Freundin Savy.

Ich habe das Spiel auf der Switch bereits einmal komplett durchgespielt. Dies hat bei mir ungefähr 6 interne Spieltage und ca. 2-3 Stunden reine Spielzeit gedauert. Dadurch, dass man unterwegs auswählen kann, welche Fahrgäste man mitholt, habe ich wohl einige Storylines “verpasst”, weswegen man das Spiel durchaus mehrfach spielen kann. Vom Aufbau her, erinnert das Spiel an ähnliche textbasierten Spiele wie “Begrabe mich, mein Schatz”, “Headliner: NoviNews” oder “80 Days”, bekommt hier aber durch das Bewertungs- und Emotionssystem eine zusätzliche, strategische Note.

Oftmals kommentiert Lina die Situation selbst in einer Art Denkblase.

Wie bereits beschrieben, ist das Spiel vor kurzem auf mehreren Systemen erschienen, selbst gespielt habe ich es auf der Switch. Leider hatte ich stellenweise ein paar Bugs in dem Spiel gefunden, die dazu geführt haben, dass das Bild manchmal geflackert hat, falsche Lichteffekte eingesetzt wurden oder anstatt einem Text der Funktionsname angezeigt wurde. Das hat mich kurzfristig vielleicht aus dem Spiel gezogen, aber die laufende Geschichte rund um Lina war doch zu spannend und packend. Je nachdem, wie man sich in der laufenden Story verhalten hat, kann man unterschiedliche Enden erspielen. Ich hätte mich aber hier über stärkere Verästungen der Storylines gefreut, denn letztendlich erinnert die Erzählweise an die Äste bei Telltale Games Spielen, die sich zwar im Verlauf des Spiels aufspannen und unterschiedliche Geschichten erzählen, allerdings dann die Äste kurz vor dem Finale wieder vereinen und aus denen sich dann die unterschiedlichen Enden heraus entwickeln. Nichtsdestotrotz hatte ich ca. 3 Stunden lang Spass mit einem Sci-Fi-Adventure in einer interessanten und nicht ganz so unwahrscheinlichen Dystopie. 


Ich würde dem Spiel 8 von 10 möglichen Punkten geben. Die Geschichte von Lina ist spannend erzählt und bringt den Spieler zum Nachdenken über die mögliche Zukunft beim Umgang grosser Firmen mit persönlichen Daten und der persönlichen Freiheit beim Autofahren: Kann eine Gesellschaft sicherer werden, wenn der Mensch als Fahrer eines Fahrzeuges abgeschafft wird oder verliert der Mensch dadurch eine seiner Freiheiten?