Mitte Oktober erschien über den Entertainment-Newsticker eine Nachricht, die auf den ersten Blick wie Beförderung aussieht, auf den zweiten Blick aber eine kleine Revolution innerhalb des Disney-Konzerns sein könnte. Kevin Feige ist neben seiner Position als Präsident der Marvel Studios nun auch Chief Creative Officer der Gesamtmarke Marvel. Mit dieser Stellung hat Feige nun nicht nur kreative Kontrolle über die Filme und die kommenden Disney+-Serien, sondern auch die restlichen Marvel TV-Serien, die Animationsstudios, sowie die Comic-Sparte. 

Die 90er: Wie Spielzeugmacher zu den Chefs von Marvel wurden

Um die Folgen dieser Änderungen deutlich zu machen, müssen wir einige Jahre in die Vergangenheit gehen, denn bereits in den 90er Jahren wurden Strukturen bei Marvel eingeführt, die stellenweise bis heute noch gelten. In den 90ern war Marvel bekanntlich noch unabhängig und hatte stellenweise mehrfach Geldprobleme. 1993 machte die damalige Marvel Entertainment Group einen lukrativen Deal mit der Spielzeugherstellerfirma ToyBiz, die daraufhin exklusiv Spielzeug basierend auf Marvel Figuren herstellten. ToyBiz wurde zu dem Zeitpunkt unter anderem vom Investor Isaac „Ike“ Perlmutter und Avi Arad geleitet. Kurz nach dem Deal gründete Marvel die Marvel Films Sparte, quasi der Vorgänger der heutigen Marvel Studios, die Avi Arad unterstand. Ursprünglich wurden zuerst Animationsserien unter dem Banner der New World Communications Group, Inc. produziert, langfristig war aber bereits 1993 der Plan gewesen, einen X-Men Film zusammen mit den 20th Century Fox Studios zu produzieren.

1996 wurden die finanziellen Probleme bei der Marvel Entertainment Group gravierender. Zuerst verkaufte man die New Communications Group an Fox und mit zusätzlichen Verkäufen von ToyBiz-Aktienpaketen wurde die neue Einheit Marvel Studios gegründet, die wiederum von Arad geleitet wurde. Unter Arads Leitung wurden die Kinopläne konkreter und man plante einen 7-jährigen Entwicklungsdeal mit den 20th Century Fox Studios, die später in den X-Men Filmen, Daredevil, Electra und Fantastic Four-Filmen resultierten. Ähnlich lizensierte man Blade an New Line Cinema und Spider-Man an Columbia Pictures. Die Probleme des Gesamtunternehmens Marvel waren aber immer noch nicht beseitigt zu diesem Zeitpunkt, denn Ende 1996 musste Insolvenz angemeldet werden. Mehrere Investoren und Personen des höheren Managements versuchten um die Vormachtstellung im Unternehmen zu kämpfen. Letztendlich gewannen Ike Perlmutter und Avi Arad diesen Machtkampf 1998, nachdem Marvel mit der ToyBiz teilfusionierten. Während sich Arad mehr auf die Filmproduzentenrolle konzentrierte, stieg Perlmutter bis 2005 zur Position des Chief Executive Officers auf. 

Die 2000er: Kevin Feiges Aufstieg und erste Kinoerfolge

In der Zwischenzeit ist Kevin Feige bei den Marvel Studios angekommen. Nachdem er mehrfach erfolglos bei anderen Produktionsfirmen angeklopft hatte, fand er bei Marvel eine neue Heimat und wurde Produzent bei vielen lizensierten Marvel Filmen, beginnend ab X-Men, Spider-Man, Daredevil und Hulk. Nachdem diese ersten Versuche, Marvel Charaktere auf die Leinwand zu bringen, erfolgreich waren, beschloss Marvel von nun an selbst zu produzieren. Unter dem neuen Chief Operating Officer David Maisel versuchte man neue Geldgeber zu finden. Dies gelang bereits 2005 mit einem Finanzierungsdeal mit der Investmentbank Merrill Lynch und einer Kooperation mit Paramount Pictures. Dies war der finale Grundstein für das MCU, denn 2008 erschien der erste Film dieses Deals: Iron Man.

Hinter den Kulissen änderte sich aber das Machtgefüge, denn Arad und Maisel waren sich anscheinend nicht darüber einig, wie hoch die Frequenz der neu produzierenden Filme sein sollte und wie stark die jeweils vertretenen Charaktere sein sollten. Maisel erlangte das Vertrauen Perlmutters (einige der Treffen zwischen Arad, Maisel und Perlmutter sollen unter anderem bei Donald Trumps Privatclub Mar-A-Lago stattgefunden haben) und Arad verlies die Marvel Studios. Er blieb aber weiterhin im Umfeld Marvels, denn er blieb weiterhin Produzent der meisten Marvel-Filme ausserhalb des MCUs. Heutzutage sind die Spider-Man Filme ohne Spider-Man, also Venom, Morbius oder Into the Spider-Verse unter der Leitung Arads.

2009: Die Ära Disney beginnt

Einige Monate nach Arads Abschied aus den Marvel Studios wurde Kevin Feige zum Produktionschef bei den Marvel Studios. Mit den ersten beiden erfolgreichen Kinoerfolgen Iron Man und The Incredible Hulk war klar, dass die Marke Marvel in den kommenden Jahren immer wichtiger werden sollte, denn dies war der Beginn der berühmten Phase 1 des MCU, das mit den Folgefilmen Iron Man 2, Thor und Captain America zum Team-up-Film The Avengers führen sollte. Und in dieser Zeit zwischen The Incredible Hulk und Iron Man 2 passierte auf wirtschaftlicher Sicht ein wichtiges Ereignis. Der Walt Disney Konzern war seit dem Beginn der Amtszeit von Robert „Bob“ Iger auf massivem Expansionskurs. 2007 kaufte der Konzern bereits für 7,4 Milliarden US-Dollar die Pixar Studios auf. 2009 stand dann der nächste Kauf an: Marvel wurde für 4 Milliarden US-Dollar aufgekauft. Einige Jahre später folgten bei dieser Expansionsphase der Kauf von Lucasfilm mit den Star Wars (und zeitlich später auch die Indiana Jones-) Rechten für 4 Milliarden US-Dollar und 2019 der Kauf der 20th Century Fox für mehr als 70 Milliarden US-Dollar.

Die bis dato gültigen Verträge mit Paramount sollten noch bis 2013 weitergehen und spätestens ab Thor: The Dark World sind alle seitdem veröffentlichten Filme komplett eigenständig produziert worden. 2010 gründete sich die Fernsehabteilung Marvel Television unter der Leitung des Comic-Autors und TV-Produzenten Jeph Loeb, die zu dem Zeitpunkt noch eng mit Marvel Studios verzahnt war. Doch diese Konstellation hielt nur bis 2015.

Der interne Machtkampf zwischen Ike Perlmutter, Kevin Feige und Bob Iger

Während der Produktionszeit der Phase II des MCU soll es hinter den Kulissen zu mehreren Schwierigkeiten gekommen sein. Hier betreten wir dann den Bereich der Sagen und Legenden, die in den vergangenen Jahren zwar durch mehrere Artikel in diversen Entertainment-Portalen kursiert sind, aber vor kurzem in der Biografie von Bob Iger (siehe Robert Iger, The Ride of a Lifetime: Lessons Learned from 15 Years as CEO of the Walt Disney Company, Ramdom House, September 2019) teilweise bestätigt wurden. So soll es zwischen Ike Perlmutter und Kevin Feige zu immer grösseren Problemen gekommen sein. Perlmutter soll, nach Igers Meinung ein Problem mit dem Hollywood-Arm des Marvel Unternehmens gehabt haben, insbesondere soll er in Feige immer mehr eine Feindfigur gesehen zu haben. Perlmutter soll angeblich Entscheidungen behindert haben bezüglich der Langzeitplanung der Filme. Dies führte zu erheblichen gesundheitlichen Problemen bei Kevin Feige, der sich in persönlichen Gesprächen sogar soweit geäussert haben soll, dass er die Filmindustrie zeitweise komplett verlassen wollte. Nach dem Release von Avengers – Age of Ultron schien diese Diskussion eskaliert zu sein, und so wurden die Marvel Studios aus Marvel Entertainment quasi herausgeschnitten und Kevin Feige unterstand nun direkt Alan Horn, dem Chef der Walt Disney Studios und nicht mehr Perlmutter. Perlmutter blieb aber weiterhin Chef von Marvel Entertainment und damit den TV Studios und der Comic-Sparte. Seit diesem Zeitpunkt soll aber das Verhältnis zwischen Iger und Perlmutter nicht mehr so gewesen sein, wie bisher. 

Mit dieser Entscheidung wurde die Arbeit offensichtlich wieder angenehmer für Feige. Bob Iger fragte mehrfach an, ob die kommenden Filme nicht diversere Comic-Helden zeigen könnten. In der Zeit vor dem Split wurde diese Frage von dem New Yorker Marvel-Managementteam noch skeptisch betrachtet, unter anderem soll in Frage gestellt worden sein, ob weibliche oder schwarze Superhelden internationale Kinoerfolge schaffen könnten. Black Panther soll einer der ersten Vorschläge Feiges gewesen und spätestens als Iger den aktuellen Comic las, der zu dem Zeitpunkt vom erfolgreichen Autor und Journalisten Ta-Nehisi Coates geschrieben wurde, war Black Panther ganz weit oben auf der Wunschliste Igers. Und wenn man sich den Erfolg des Films  und Einfluss des Filmes im Nachhinein betrachtet, zu Recht. 

Der Bruch mit der Marvel TV-Abteilung

Während die Marvel Studios nun einen Erfolg nach dem anderen einfahren sollte, war die TV Abteilung fast schon das rothaarige Stiefkind Marvels. 2013 startete mit den Agents of S.H.I.E.L.D. die erste Fernsehserie im MCU und 2014 Agent Carter. Zur Erinnerung: Agent Carter wurde von den späteren Autoren der Infinity War und Endgame Filme Christopher Markus und Stephen McFeely entwickelt, und auch Kevin Feige gehörte zum erweiterten Produzentenstab. In den ersten beiden Jahren der Serien gab es ab und an thematische Überschneidungen mit den jeweiligen Filmen Thor – The Dark World, Age of Ultron, aber kein Cross-over hatte einen grösseren Einfluss auf eine Fernsehserie gehabt, wie die Ereignisse von Captain America – The Winter Soldier. Doch leider ebbten diese Überschneidungen nach dem Split ab. Beispielsweise sucht man in der Skyline der Marvel Netflix Serien vergeblich nach dem Avengers Tower und auch der Thanos-Schnipser, den man eigentlich nach der fünften Staffel von Agents of S.H.I.E.L.D. vermutete, war zu Beginn der sechsten Staffel der Serie nicht zu sehen. Die mittlerweile siebte und letzte Staffel ist zwar mittlerweile abgedreht worden, wird aber erst im Verlauf des Sommers 2020 im Fernsehen gezeigt werden. Angekündigte Serien wie New Warriors sind in der Produktionshölle gelandet oder wurden gecancelt wie die geplante Ghostrider Serie mit Gabriel Luna. Derzeit produziert Marvel Television nur noch die kommende Serie Helstrom, Runaways, sowie Cloak & Dagger. 

In der Zwischenzeit ist Disneys Expansionsplan weit fortgeschritten und mit dem Fox-Aufkauf war klar, dass die Entertainment-Zukunft in Richtung Streaming gehen wird. Disney+ heisst der neue Streaming-Dienst und wird Ende 2019 starten. Alle IP-Sparten von Disney sind nun gefordert, neues Material exklusiv für diese Plattform zu produzieren. Neben neuen Serien von Pixar und Star Wars, wird es auch neue Serien aus dem Marvel Universum geben, diesmal direkt produziert von den Marvel Studios. Ende 2020 soll die erste Serie The Falcon and the Winter Soldier starten, danach folgen weitere Serien wie WandaVision, Loki, What If, Hawkeye, Ms. Marvel, Moon Knight und She-Hulk. Im direkten Vergleich sieht es daher fast so aus, als ob die Marvel Television Abteilung sich eher im Auflösungsprozess befinden könnte. 

Möglicher Ausblick und Konsequenzen

In diesem Moment erscheint dann die aktuelle Nachricht, dass Kevin Feige seine Stellung ausbauen wird und nun kreativer Chef für die TV Abteilung und die Comic-Abteilung werden wird. Ike Perlmutter wird dadurch weiterhin entmachtet, er verliert damit die Entscheidungsbefugnisse für kreative Entscheidungen für Comics, Serien und Filme, ihm verbleiben nur noch die Bereiche Gaming, Lizensierungen und Verkauf. Dan Buckley bleibt Präsident von Marvel Entertainment, allerdings steht er nun auf kreativer Seite unter Kevin Feige. Interessanterweise beschwerte sich Sony im Sommer darüber, dass Kevin Feige keine Zeit mehr hätte, sich um die weitere Entwicklung Spider-Mans zu kümmern und erst vor kurzem wurde auch bekannt, dass Feige womöglich einen neuen Star Wars Film produzieren könnte. Mit der neuen Stellung als Chief Creative Officer dürfte er auch in Zukunft genug Arbeit haben für die kommenden Jahre.

Und nun kann man mit dem Spekulieren beginnen. Welche Konsequenzen könnte Feiges neue Stellung mit sich bringen? Für die Marvel Television Abteilung könnten die kommenden Wochen entscheidend werden. Das Finale von Agents of S.H.I.E.L.D. sollte eigentlich in trockenen Tüchern sein. Die Dreharbeiten von Helstrom sollen gerade erst begonnen haben, dementsprechend wird es interessant, ob die Dreharbeiten, die bis zum Frühjahr 2020 gehen sollen, auch komplett durchgezogen werden. Die dritte Staffel von Runaways soll im Dezember 2019 starten und auch die dritte Staffel von Cloak & Dagger scheint in der Vorproduktion zu sein, unter anderem soll dort auch ein Crossover zwischen beiden Serien zu sehen sein. Es könnte also gut sein, dass diese Serien für die Streaming-Plattform Hulu weiterhin bleiben könnte. 

Im Bereich Comics könnte der Einfluss Feiges auch interessant werden. Zum Beispiel könnten neue Storylines, die für kommende Filme in Betracht kommen, in den Comics zeitnah thematisch behandelt werden oder besser zur zeitnahen Werbung von neuen Kinofilmen genutzt werden. Dementsprechend kann dann das Publikum schon mal vorgetestet werden, ob neue Ideen schnell angenommen werden, wie man es vor mehreren Jahren gesehen hat bei The Mighty Thor, Ms. Marvel oder Falcon, der für mehrere Jahre als Captain America in den Comics aktiv gewesen ist. Insbesondere die derzeitigen Tie-In Comics, die eigentlich eine Nacherzählung bisheriger Filme sind, könnten so eigenständigere Geschichten erzählen als bisher. Der Hollywood Reporter spekulierte sogar einen möglichen Umzug von New York nach Los Angeles, so wie DC es vor einigen Jahren gemacht hat. Dies wäre aber ein langfristiger Schritt, Änderungen bei TV und Comics könnte man aber bereits in den kommenden Monaten sehen, insbesondere, weil die Entscheidungen in diesen Medien schnellere Konsequenzen haben als bei Filmproduktionen. Von daher wird es spannend werden, wie sich Kevin Feige von nun an in die Bereiche Comics und TV einbringen wird.

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