Vor einigen Tagen hatten wir die Möglichkeit gehabt, einen ganz besonderen Film schon einmal vorab in der deutschen Übersetzung zu sehen: Le Mans 66 – Gegen jede Chance, bzw. Ford v. Ferrari im englischen Original. Normalerweise werden solche Filme hier bei MyMultiverse ja relativ selten betrachtet, aber effektiv gesehen sieht man hier Jason Bourne und Christopher Nolan’s Batman in einem Film vom Regisseur von Logan. Das wäre die oberflächlichste Bezeichnung für einen der besten Kinofilme des Jahres. Wenn nicht sogar Oskar-Kandidaten.

Poster von Le Mans 66 © 20th Century Fox

In einer Zeit, in der viele Kinogänger Spoiler zu einem Film meiden wie Vampire Knoblauch und in der fast jeder Event-Film Teil eines Mega-Franchises zu sein scheint, ist ein Film wie Le Mans 66 ein fast schon erfrischender Film, denn die Rahmenhandlung des Films kann man sich aus der Geschichte des Le Mans-Rennens im Jahre 1966 (bzw. der dazugehörenden Wikipedia-Seite) schnell selbst ausmalen.

In den 60er Jahren war Ferrari bei genau diesem Rennen absolut dominierend, denn zwischen 1960 und 1965 gewann Ferrari jedes 24-Stunden-Event bei Le Mans. Der sportliche Erfolg in diversen Rennserien, sowie der Bekanntheitsgrad der Marke Ferraris brachte das Management-Team von Ford dazu, Ferrari ein Übernahmeangebot zu machen. Die Verhandlungen gingen ursprünglich sehr weit, doch kurz vor der endgültigen Vertragsunterzeichnung soll Enzo Ferrari eine entscheidende Frage gestellt haben.

Der Sage nach soll Enzo Ferrari (im Film gespielt von Remo Girone) bei der Frage, ob Ford es zulassen würde, Ferrari weiterhin bei Rennen wie Le Mans antreten zu lassen, sehr enttäuscht worden sein… und schickte die Ford Manager zurück nach Detroit. Ford-Boss Henry Ford II (Tracy Letts) soll die Absage aus Maranello sehr persönlich genommen haben und startete ein Projekt, um Ferraris Dominanz beim 24 Stunden Rennen von Le Mans zu beenden. Hierzu beauftrage Ford den ehemaligen Rennfahrer und Konstrukteur Carroll Shelby (Matt Damon), der 1959 als bis dahin erster und einziger US-Amerikaner die 24 Stunden von Le Mans gewonnen hatte. 

Die Fords am Start des 24-Stunden-Rennens von Le Mans © 20th Century Fox

Das Rennen am Circuit de la Sarthe ist eines der härtesten Langzeitrennen der Welt. 2 Rennfahrer wechseln sich im Verlauf von 24 Stunden mehrfach ab, um ein Fahrzeug stundenlang sicher um die mehr als 13 Kilometer lange Strecke zu fahren. Viele Fahrzeuge können die 24 Stunden nicht komplett aushalten. Zwar besteht die Strecke aus langen Vollgaspassagen, doch ab der harten Mulsanne-Kurve muss das Fahrzeug von einer Geschwindigkeit von über 300 Stundenkilometern auf knapp 100 km/h herunterbremsen. Dies hat unter anderem starke Auswirkungen auf die Bremsen der Fahrzeuge, die bei einem 24-Stunden langen Rennen in der Summe zwischen 3 und 4 Stunden gefordert werden und dabei leicht überhitzen können.

Caroll Shelby (Matt Damon) ist von Ford beauftragt worden, ein Auto zu konstruieren, das in Le Mans die Ferrari-Übermacht schlagen kann © 20th Century Fox

Caroll Shelby steht nun vor der schwierigen Aufgabe, für das neue Motorsport-Team von Ford einen schnellen Rennwagen zu konstruieren. Unterstützen soll ihn dabei sein Mechaniker- und Rennfahrerkollege Ken Miles (Christian Bale), der zwar ein genialer Konstrukteur und Rennfahrer war und dem zu bauenden Rennfahrzeug eine Sekunde nach der anderen herauskitzelte bei seiner Jagd nach der perfekten Runde, allerdings oftmals mit Personen aus dem Management aneckte. Der Film zeigt den jahrelangen Prozess, den Shelby und Miles durchlaufen müssen, bis sie beim legendären und umstrittenen Rennen von Le Mans im Jahre 1966 antreten konnten.

Caroll Shelby (Matt Damon) und Ken Miles (Christian Bale) bei den diversen Testfahrten mit dem Ford © 20th Century Fox

Man merkt dem Film den Spass an, den die Schauspieler beim Drehen des Filmes hatten, denn für viele Szenen wurden originale Fahrzeuge verwendet, die zum Teil aus dem Familienbesitz der einzelnen dargestellten Charaktere stammen. Ebenso wurden die originalen Strecken stellenweise detailliert rekonstruiert, beispielsweise war die Mulsanne Gerade zu dem Zeitpunkt noch ohne zusätzliche Schikanen und damit eine 6 Kilometer lange Vollgasstrecke.

Ken Miles (Christian Bale) und Caroll Shelby (Matt Damon) beim Rennen von Le Mans © 20th Century Fox

Der Film lebt von der Chemie seiner beiden Hauptdarsteller Matt Damon und Christian Bale und der Arbeitsbeziehung der Charaktere zueinander, die sie beide spielen. Insbesondere Matt Damon spielt hier großartig den Konflikt, dem sein Charakter Collby Shelby ständig ausgesetzt ist, wenn das Management von Ford ein Erfolgserlebnis nach dem anderen einfordert und damit seine Techniker und damit auch Ken Miles unter Druck setzt. Stellenweise ist der Film auch weniger Ford vs. Ferrari, sondern eher Management vs. Ingenieure. Insbesondere, wenn man einmal in der Entwicklungsabteilung in der Automobilbranche gearbeitet hat, könnte man die eine oder andere Szene des Filmes vielleicht auch schon mal selbst erlebt haben. Rennfans können sich bei einigen Szenen auch auf die zahlreichen Psychospielchen freuen, die sich die einzelnen Rennteams untereinander spielen. Und man kann sich auch über diverse Team-Entscheidungen ärgern, die hinter den Kulissen passieren und die die Fahrer letztendlich umsetzen müssen.

Die Ehefrau von Ken Miles, Mollie Miles (Caitriona Balfe) hat oft Angst um ihren Ehemann © 20th Century Fox

Le Mans 66 – Gegen jede Chance hat durchaus große Chancen erfolgreich bei den kommenden Award-Seasons zu sein, denn die bisherigen Kritiken waren durchaus positiv und betonten unter anderem die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller. Interessant wird aber auch die Frage sein, wie erfolgreich der Film für Fox sein kann, die im Verlauf des Jahres bisher leider nicht allzu erfolgreich gewesen sind. Vermeintliche Blockbuster wie Alita – Battle Angel, X-Men – Dark Phoenix oder Ad Astra sind an den Kinokassen gefloppt und haben stellenweise sogar die letzten Quartalsergebnisse des neuen Mutterkonzerns Disney geschmälert. Ein Erfolg von Filmen wie Le Mans 66 könnte daher die Zukunft der 20th Century Fox Studios innerhalb des Disney-Konzerns ab dem Jahr 2021 bestimmen, welche Art von Filmen nun von diesem Studio produziert werden.

Poster zu Le Mans 66 © 20th Century Fox

Wenn ich eine Zahlenwertung zum Film abgeben sollte, würde ich auf einer Skala von 1-10 den Film auf eine sehr gute 9 setzen.

Wir durften den Film bereits vorab im Rahmen einer Pressevorführung von 20th Century Fox sehen. Der Film wird ab dem 14. November in den deutschen Kinos zu sehen sein.